Sa 08.03.2008 18:36

Peter Fleissner an Georg Quaas

Lieber Herr Quaas,

 

danke für Ihre Mühe, die Sie sich mit mir machen. Anbei meine Antworten auf Ihre Bemerkungen in Ihren Bemerkungen zu meinen Bemerkungen.

Ich bin auf Ihre Reaktion sehr neugierig.

 

 

 Lieber Peter Fleissner,

 

ich erlaube mir mal, meine Anmerkungen in Ihren Text hineinzuschreiben. Die Numerierung dient dazu, gegebenenfalls Bezug zu nehmen.

 

(1)

„Nach Durchsicht Ihres Papiers zur „Wertrechnung“, das mit meiner Intention nach einer Interpretation der VGR im Lichte der Werttheorie übereinstimmt, ein kurzer Kommentar: Ich sehe das Material Product System (MPS) der implodierten Sozialistischen Ländern als eine der (stofflich interpretierten) Wertrechung strukturell sehr nahe liegende Darstellung der ökonomischen Aktivitäten einer Volkswirtschaft, während das SNA-System grundsätzlich anders vorgeht.“

 

Zu (1) Das mag theoretisch richtig sein. Praktisch kamen im MPS aber vor allem Plangrößen vor, an die sich die Berichte anpassen mußten, um „Planerfüllung“ vorzugaukeln. Insofern ist zweifelhaft, ob es jemals ein  System gegeben hat, das die gebrauchswertmäßig-stoffliche Struktur einigermaßen adäquat abgebildet hat.

 

(2)

„Versucht das MPS-System die Güter bzw. Leistungen einer Wirtschaft nur dann positiv zu zählen, wenn sie dem Mehrprodukt prinzipiell etwas hinzufügen können, geht das SNA-System bei den Brutto-Produktionswerten von bepreisten Gebrauchswerten aus, die mehrheitlich über den Markt gehandelt werden (was vor allem zu einem hohen Anteil von Dienstleistungen am BIP führt).“

 

Empirische Ergänzung zu : I-O Tafel Österreich 2003: Verwendungsseite, Herstellungspreise.

Gesamte Endnachfrage (stark gerundet): 319 Mrd EUR = C + G + I + Ex

Stofflicher Konsum 62 Mrd

Dienstleistungskonsum 67 Mrd 

Öffentlicher Konsum: 41 Mrd

BruttoInvest (öff und privat) 49 Mrd (davon 44 Mrd aus stofflichen Bereichen, und nur ein Zehntel, 5 Mrd EUR, aus den Dienstleistungsbereichen, meist „immaterielle Anlagegüter“)

Exporte 95 Mrd

Importe 93 Mrd

 

Zu (2), Anm. (1): Im MPS ist m.E. jedes Gut und jede Dienstleistung zu zählen, egal, ob es oder sie einen Beitrag zum Mehrprodukt leistet oder nicht.

 

Wie auch immer MPS rechnete: Bitte können Sie mir Beispiele für den Beitrag nennen, den eine Dienstleistung zum Mehrprodukt leistet? M.E. ist eine Dienstleistung so definiert, dass sie im Augenblick der Produktion konsumiert wird, was bedeutet, dass sie nicht Bestandteil des Mehrprodukts sein kann.

 

Zu (2), Anm. (2): „Mehrheitlich“ ist richtig, ein recht großer Teil wird aber vom Staatskonsum eingenommen, das nicht über den Markt gehandelt wird. Insofern ist die Aussage, dass das Handeln über den Markt zu einem hohen Anteil der Dienstleistungen führt, problematisch.

M.E. ist diese Frage auch ganz ohne Relevanz: Was auch immer einen hohen Anteil der Dienstleistungen am BIP bewirkt – wir müssen sie de facto auch in der Wertrechnung berücksichtigen.

 

Hier stimme ich vor allem dem letzten Satz zu, aber wir sollten den Übergang aus den früheren klassischen Formen der Wertrechnung explizit machen und bewusst vollziehen. Eine wichtige Konsequenz, die sich nämlich (und auch mit der Transformation der Werte in Preise) ergibt, ist, dass die Arbeitszeit, die in den stofflichen Bereichen direkt und indirekt geleistet wurde und einen bestimmten Wert darstellt, nach der Transformation nicht mehr in der gleichen Höhe andere Gebrauchswerte im Ausmaß der geleisteten Arbeitszeit am Markt eintauschen kann, d.h. das Prinzip des gerechten Tausches ist verletzt.

 

(3)

„Eine Zusammenführung der unterschiedlichen Sichtweisen lässt sich erreichen, wenn man die Vorleistungsstrukturen des MPS-Systems um die Vorleistungen der Dienstleistungssektoren erweitert, die zunächst zu Reproduktionskosten bewertet werden (die also keine Profite machen, da nur dann das ausschließlich in den stofflichen Sektoren erzeugte Mehrprodukt aus dem in den stofflichen Sektoren anfallenden Mehrwert in voller Höhe angeeignet werden kann).“

 

Zu (3): Ich glaube nicht, dass man unter diesen Bedingungen das Mehrprodukt noch rein stofflich definieren kann. Wenn das Produkt aus Waren und Dienstleistungen bestehet, dann auch das Mehrprodukt. Aber mal Ihre Sichtweise unterstellt, fällt es schwer, Ihre Behauptung nachzuvollziehen. Angenommen, es besteht eine Diskrepanz zwischen dem stofflichen Mehrprodukt und der preislichen Nachfrage nach Mehrprodukt, dann wird das der Preismechanismus ausgleichen.

 

Ich behandle hier nur Gleichgewichtspreise. Angebots- und Nachfrageüberlegungen habe ich in einem paper zu einem „konkreteren“ Transformationsproblem angestellt. Ich hänge es an.

 

(4)

„Lässt man Profite in den Dienstleistungssektoren zu, kann in den Sektoren der stofflichen Produktion nur weniger an Mehrprodukt angeeignet werden (also weniger investiert werden) als in Summe an Investitionsgütern erzeugt wurde, was die Austauschrelationen der „reinen“ Werttheorie verfälschen würde.“

 

Zu (4): Die reine Werttheorie bestimmt sowieso nicht die Austauschverhältnisse. Marx hat die Identität von Preis- und Wertstruktur doch nur idealiter unterstellt, um zu zeigen, dass man Ausbeutung auch ohne Verzerrungen des Preise erklären kann.

 

Siehe ad 2

 

(5)

„Die Werte, die in den Dienstleistungssektoren incl. Staat verbraucht werden (also das c und das v der Dienstleistungssektoren), wenn sie Dienstleistungen (als reine Gebrauchswerte gesehen) erzeugen, stammen ausschließlich aus der stofflichen Produktion. Sie stellen daher gegenüber dem MPS System Doppeltzählungen dar.“

 

Zu (5), Anmerkung (1): Sachlich nicht ganz richtig: Im Dienstleistungssektor können auch Dienstleistungen verbraucht werden: Zum Beispiel der Fensterputzer, der die Scheiben des Barbiers (Friseurs) reinigt.

 

Die letzte Anmerkung, dass Dienstleister auch Dienstleistungen verbrauchen und kaufen, ist bei meinen Überlegungen berücksichtigt (Die diagonalen partitionierten Matrizen sind dann ungleich Null)

 

Zu (5), Anm. (2):

Ich verstehe nicht, wie Sie darauf kommen. Dienstleistungen gehören grundsätzlich zu den Vorleistungen, und diese werden im allgemeinen abgezogen, damit in der VGR keine Doppelzählung vorkommt. Die einzige Ausnahme sind die Vorleistungen, die der Staat kauft, und deren Wert (=Kosten) dann in das Staatsprodukt eingeht. Dieses wird aber unentgeltlich abgegeben – insofern kann es auch hier zu keiner Doppeltzählung kommen. (Im Einzelfall vielleicht schon, aber hier geht es ja um das Prinzip.)

 

Ich nähere mich der Wertrechnung unter zwei Annäherungsweisen. Die erste geht von Band 1 des Kapital aus und bezieht nur stoffliche Arbeit ein. Dann sind alle Bereiche außerhalb (also alle Dienstleistungsbereiche) von stofflicher Arbeit zu alimentieren. Die Werte in der Input-Output Rechnung in den Dienstleistungen sind daher ein zweites Mal auftretende Bestandteile des Produktionsergebnisses der stofflichen Sektoren (entweder zunächst als Bestandteil des Mehrwerts gesehen oder als Bestandteil der Produktionskosten, die ja immer aus der Wertmasse bezahlt werden müssen.

 

Die zweite geht wie Sie davon aus, dass heute die Dienstleistungen nicht mehr zu vernachlässigen sind, obwohl sie nichts zum Mehrprodukt beitragen. Dann wäre eine theoretische Möglichkeit, das gesamte Produkt als Ergebnis der lebendigen Arbeit des Gesamtarbeiters plus die Arbeitszeit, die in den Vorprodukten (incl. der Übertragung von Teilen des fixen Kapitals auf das neue Produkt) steckt zu betrachten. Dann ist das Mehrprodukt (das nach wie vor nur stofflich ist) als Ergebnis der Kombination von stofflichen und dienstleistenden Arbeiten anzusehen. Die Ausbeutung des Gesamtarbeiters wird dann auf der betrieblichen Ebene sozusagen individualisiert, das Ausmaß der Ausbeutung hängt dann nicht mehr von den einzelnen Betrieben ab, sondern, immer von der Aktivität und Produktivität aller Glieder des Gesamtarbeiters. Die Sicht der Produktionspreise entspricht der zweiten Annäherungsform.

 

(6)

„Unter der Bedingung der Ist-Preise oder auch von Produktionspreisen, die den Dienstleistungssektoren Profite und damit Investitionen zu finanzieren ermöglichen, entspricht die Summe der Vorleistungen und des Konsums der Sektoren der Stoffproduktion vermehrt um die Summe der Profite ALLER Sektoren der Werterzeugung des MPS Systems, allerdings zu anderen Preisen bewertet – was als eine praktische Lösung des Transformationsproblems angesehen werden könnte (wobei allerdings die verlangte Identität von Mehrwertmasse = Profitmasse verletzt wird, nur die Summe aller Werte bleibt der Summe aller Preise gleich, und natürlich das physische Mehrprodukt in Summe, das nun anders verteilt wird).“

 

Zu (6): Also, das dürfte doch klar sein, dass man im allgemeinen immer nur eines der Invarianzpostulate erfüllen kann. Hierin sehe ich kein Problem. Eher noch in dem Rest Ihrer These. Kann man das etwas ausführlicher erklären, oder vielleicht sogar mit ein paar Formeln unterlegen?

 

 

Ich versuche zu zeigen, dass die Arbeitswerte von Marx mit anderen (Gleichgewichts-) Preissystemen im Leontief-System (das sich in der einfachsten Variante mathematisch als Mengensystem Ax + y = x, x Outputmengenspaltenvektor, y Endnachfrage, und als duales Stückpreis-System pA + w = p, w Wertschöpfungszeilenvektor pro Stück, darstellen lässt) nicht nur verträglich, sondern in gewisser Weise gleichberechtigt sind. Meine Annahme, dass Dienstleistungen nicht wertbildend sind, ist mit einem Leontief-System zumindest konsistent und fällt zusammen mit der Annahme, dass die Wertmasse des Mehrprodukts dann mit der gesamten Profitmasse identisch ist (weil ja in den Dienstleistungssektoren kein Mehrprodukt erzeugt werden kann). Bei einer Umverteilung des bepreisten Mehrprodukts in einer nicht zu den Arbeitswerten der wertbildenden Sektoren proportionalen Weise würden die Mehrarbeitszeiten in den wertbildenden Sektoren im allgemeinen nicht mehr mit der Summe des bepreisten  Mehrprodukts identisch sein, was heißt, dass die Grundlagen der Werttheorie auf der abstraktesten Ebene verletzt wären. Na ja….

 

Ich gehe von einer technisch-sozial konstanten Situation aus, gegeben durch die technischen und Konsumkoeffizienten, in den quadratischen Matrizen A bzw. C im Leontiefschen Input-Output Modell angeordnet, dann gelten die von Marx eher vernachlässigten Mengengleichungen: A x + y = x (x Brutto-Produktionsmengen, y Endnachfragemengen, beides Spaltenvektoren) und (A + C) x + s = x, s ist der Spaltenvektor des Mehrprodukts. Auf der Preisseite gilt analog mit dem Zeilenvektor der Stückpreise p: p A + v = p, mit v als Wertschöpfungszeilenvektor pro Outputeinheit. Alle möglichen Preissysteme q lassen sich durch unterschiedliche Aufteilung des Mehrproduktvektors s auf die einzelnen Branchen bzw. Betriebe „erzeugen“, s ist dabei immer gleich groß, aber nur unterschiedlich aufgeteilt in eine Matrix S, wobei S x = s und q S =p, (letzteres p ist ein Zeilenvektor der Profite pro Stück). Der Witz dabei ist, dass die Preise q mit einer spezifischen Aufteilung des Mehrprodukts s gekoppelt sind. Dieses aufgeteilte Mehrprodukt ist dann identisch mit den Investitionen, die aus den dann anfallenden Profiten  finanziert werden können.

 

Wir haben also ein konstantes Mehrprodukt s, aber je nach Situation unterschiedliche Preise q, die mit einer unterschiedlichen Allokation von s als Investitionen verbunden sind. Die Investitionen werden in einer Matrix S diag(x) als Spalten beschrieben, wobei natürlich immer S x = s. Die ebenfalls von der Aufteilung abhängigen Profite pro Outputeinheit p , die einer gesamte Profitmasse von p x  ergeben, können genau diese Investitionen bei den Preisen q restlos kaufen.

 

Nun gebe ich Beispiele für verschiedene (mit der gleichen sozio-technischen Situation verträglichen) Preissysteme:

1. Arbeitswertpreise: Marx’sche Werttheorie bedeutet in diesem Schema, dass die Stückarbeitswerte w (immer bis auf einen Skalierungsfaktor) aus w A + l = w errechnet werden können, mit l ( l soll „el“ wie lamda heißen, nicht „eins“) als direkter Zeilenvektor des Arbeitsaufwandes pro Stück. w = l minv( E-A ), minv() steht für Inverse, E für die Einheitsmatrix.

 

2. Produktionspreise: Produktionspreise pp (Zeilenvektor) bedeuten in einem Schema, das der Einfachheit halber ohne fixes Kapital auskommt, dass pp (A+C) (1+r) = pp, wobei (1+r) = 1/lamda ist, mit lamda der Eigenvektor der Matrix (A+C) und pp der Links-Eigenvektor. (Das ist identisch mit dem leider inkonsistenten Marxschen Schema der Transformation von Werten in Produktionspreise, nur wiederholt auf es selbst angewendet, indem die Outputpreise einer Periode als Inputpreise in der nächsten Periode herangezogen werden, und ergibt die Lösung von Bortkiewicz aus 1905 oder so).

 

3. Ist-Preise: Könnten wir empirisch von einer Input-Output Tafel unter Kenntnis aller einzelnen Produkte und Preise ausgehen, würden wir eine spezielle S Matrix S_ist errechnen können, mit deren Hilfe (natürlich immer unter den vereinfachenden Annahmen, dass nur die Arbeiter konsumieren, und die Unternehmer den gesamten Profit investieren) die Ist-Preise q_ist aus der Gleichung   q_ist (A+C+S_ist) = q_ist als Linkseigenvektor  bestimmt werden könnten.

 

Soweit die komplette story der Arbeitswertrechnung in einem Input-Output Systems, in dem ausschließlich Waren produziert werden, die Bestandteil des Mehrprodukts sind. Bei Dienstleistungen, die meiner Meinung nach nicht Bestandteil des Mehrprodukts sein können, da sie im Augenblick der Produktion konsumiert werden, ist die Situation ein wenig komplexer, aber nicht viel. Die S Matrix enthält in den Dienstleistungsbranchen lauter Nullen (was empirisch anhand realer I-O Tabellen gut nachvollziehbar ist), d.h. der Wert des Mehrprodukts im jeweiligen Preissystem kann sich nur aus den Gütern in den Branchen zusammensetzen, die zum Mehrprodukt etwas beitragen.

 

Daraus ist der Schluss zwingend, dass die Profitmasse in einer Wirtschaft mit Dienstleistungen gleich dem Wert des Mehrprodukts zu den jeweiligen Preisen sein muss. In einer Situation mit Arbeitswertpreisen (Fall 1) wäre dann der Wert des Mehrprodukts, das nur aus der Arbeitszeit der Nicht-Dienstleistenden erzeugt wurde, gleich der Mehrarbeitszeit aller Arbeiter einschließlich der Dienstleistenden, was ein Widerspruch ist. Er lässt sich beheben, wenn wir annehmen, dass nur die Nicht-Dienstleistenden-Branchen zum Mehrwert beitragen, und die dienstleistenden Branchen zu Reproduktionskosten (ohne Mehrwert und Profitmöglichkeit) remuneriert werden.

 

Das Problem ist etwas umständlicher zu behandeln als vorher, da es zwei unterschiedliche Arten von Produktionen gibt, Waren und Dienste. Ich beschreibe die Wirtschaft daher mit partitionierten Matrizen A, C und S, die je vier Submatrizen enthalten:

 

            A11 A12                       C11 C12                       S11  S12

A  = (                  ),          C = (                ),         S =   (                            ),

            A21 A22                       C21 C22                       S21 S22

 

wobei für die Dienstleistungssektoren gelten muss: S21 = 0, S22 = 0, da kein Beitrag zum Mehrprodukt s geleistet wird, und daher auch:

 

(A21 + C21) x1 + (A22 + C22) x2 = x2

 

 

Die erste Wertgleichung für die warenproduzierenden Sektoren hat folgende traditionelle Form:  

 

w A11 +  l = w

 

und

 

w = l minv( E – A11 )

 

Nun werden aus dem ursprünglich anfallenden neu geschaffenen Wert l die Dienstleistungen pro Stück in der Höhe von p A21 bezahlt. p ist der Stückpreis der Dienstleistungen (Zeilenvektor) haben:

 

p wird aus w ( A12 + C12) + p (A22 + C22) = p berechnet, das ist die Verteilungsseite der Dienstleistungssektoren, in denen angenommen wird, dass kein Mehrwert anfällt.

 

Daraus folgt mit bekanntem w

 

p = w ( A12 + C12) minv[ E - (A22 + C22) ] = l minv( E – A11 ) ( A12 + C12) minv[ E - (A22 + C22) ]

 

Wieviel Mehrwert p verbleibt dann den warenproduzierenden Sektoren zum Akkumulieren? Aus dem neugeschaffenen Wert l müssen die gesamten Reproduktionskosten der Dienstleistungssektoren und die ArbeiterInnen der eigenen Sektoren bezahlt werden. Der Rest ist der Stück-Mehrwert

           

p = l – w C11 - p (A21 + C21)  = w (E - A11 - C11) – p (A21 + C21) 

 

Die erste Formel nach dem ersten Gleichheitszeichen geht vom neugeschaffenen Wert aus, die zweite vom gesamten Stückwert.

 

Das noch verbleibende Mehrprodukt s aus den x1 Stück Waren produzierenden Sektoren errechnet sich aus

 

s = (E - A11 - C11) x1 -  (A12 + C12) x2.

 

Nun ist die Frage, ob die gesamte Profitmasse, berechnet über die Stück-Mehrwert, gleich der bepreisten Mehrwertmasse ist.

 

Ist also

 

p x1 = w s   ?

 

Dies lässt sich relativ leicht, wenn auch ein wenig umständlich beweisen:

 

p x1 = [w (E - A11 - C11) – p (A21 + C21)] x1

 

soll gleich sein

 

w s = w (E - A11 - C11) x1 - w (A12 + C12) x2

 

daraus folgt

 

p (A21 + C21) x1 = w ( A12 + C12) minv[ E - (A22 + C22) ] (A21 + C21) x1

 

soll gleich sein

 

w (A12 + C12) x2

 

Nun gilt laut Voraussetzung für die Dienstleistungssektoren, dass sie kein Mehrprodukt erzeugen, und daher

 

(A21 + C21) x1 + (A22 + C22) x2 = x2 oder  (A21 + C21) x1 = [E - (A22 + C22)] x2

 

Einsetzen in die linke Seite der obigen Gleichung ergibt das gewünschte Resultat (q.e.d)

 

w ( A12 + C12) minv[ E - (A22 + C22) ] (A21 + C21) x1 = w ( A12 + C12) minv[ E - (A22 + C22) ] [E - (A22 + C22)] x2  =  w (A12 + C12) x2.

 

Von nun an gilt das, was ich schon für warenproduzierenden Sektoren weiter oben ausgeführt habe, mit dem Unterschied, dass der Ausgangsmehrwert (und das Mehrprodukt) nun ausschließlich aus den warenproduzierenden Sektoren stammt. Ich kann nun neue Preissysteme ausrechnen, die mit der entsprechenden sozio-technischen Struktur verträglich sind und wo das Mehrprodukt beliebig auf alle Sektoren aufgeteilt werden kann. Damit erhalten auch die Dienstleister ihre Profite, etwa über ein System der Produktionspreise. Über die Preissysteme wird die jeweilige Variante der Aufteilung des Mehrprodukts mit Preisen versehen aus den anfallenden Profiten bezahlbar.

 

Es gilt für die Summen aller Brutto-Produktionswerte in den üblichen Leontief-Modellen und auch in den gängigen Gesamtrechnungssystemen, dass Doppeltzählungen enthalten sind. Wir haben dagegen quasi mit einem Material Product System (MPS) begonnen und auf ein System of National Accounts ungerechnet. „Echte“ Arbeitswerte entsprechen nur materiellen Produkten, alle anderen Bewertungen sind Preise, die durch Umverteilung entstehen.

 

Ich habe leider mit  meiner Antwort etwas länger gebraucht, da ich nicht nur Theorie liefern wollte, sondern auch Empirisches. Und das kann ich nun. Ich habe mir die Input-Output-Tafel 2003 der Österreichischen Volkseinkommensrechnung nach SNA mit 57 Wirtschaftszweigen gekauft und habe verschiedene Wertrechungen durchgeführt, die mit der empirischen Ausgangsvariante verglichen werden, und zwar

eine „klassische“ oder weitgehend übliche Variante (z.B. Paul Cockshott und Cottrell etc.), wo alle Sektoren gleichberechtigt in die Wertbestimmung eingehen. Dies ist das häufig verwendete Modell (entspricht m.E. aber nicht dem Band 1)

die stoffliche Variante, wo Werte nur in den stofflichen Bereichen erzeugt und Investitionen = Profite nur von diesen Sektoren angeeignet werden. Dienstleistungsbereiche werden zu Reproduktionskosten (wie bei Ihnen der Staat) alimentiert, können aber das Mehrprodukt nicht investieren, da sonst das Prinzip des „gerechten“ Tausches der stofflichen Sektoren verletzt werden würde. (das wäre m.E. die Grundidee des Band 1)

Produktionspreise, allerdings mit der Einschränkung, dass ich aus Unkenntnis der quantitativen Werte auf das fixe Kapital verzichte (wie auch auf die Berücksichtigung der Abschreibungen). Dies ist kein essentielles Problem und lässt sich ohne Schwierigkeit bei Vorliegen von empirischen oder hypothetischen Daten einbauen. Die Produktionspreise werden als Links-Eigenvektoren der Matrizen A + C  berechnet (analog zur Bortkiewicz-Lösung).

 

Zur Vereinfachung der Rechnungen habe ich angenommen, dass die Kapitalisten nur in ihrer Rolle als Unternehmer gesehen werden, die ihre Profite zur Gänze investieren. Der Unternehmerkonsum wird zur Vereinfachung und mangels Daten den LohnarbeiterInnen zugerechnet, aber auch das ist keine große Geschichte, wenn wir bessere Daten oder validere Annahmen hätten. Ebenso ist einstweilen der Öffentliche Sektor zur Gänze dem Mehrwert zugerechnet, der unter den jeweiligen Bedingungen dann als so etwas Ähnliches wie der „Betriebsüberschuss“ in Erscheinung tritt. Auch diesen Sektor könnte ich herausrechnen und gesondert behandeln. Die folgende Grafik ist zu laufenden Preisen gerechnet und zeigt die Brutto-Produktionswerte von 57 Sektoren nach institutioneller Gliederung in einer quadratischen I-O Tafel, die aus dem make-use Konzept berechnet wurde (siehe etwa http://www.statistik.at/web_de/wcmsprod/groups/gd/documents/stddok/029344.pdf#pagemode=bookmarks , die Sektorendefinitionen finden sich in http://www.statistik.at/web_de/static/aufkommens-_und_verwendungstabelle_2003_019869.xls).

 

Die Abgrenzung nach stofflichen und Dienstleistungssektoren habe ich einfach zwischen Bauwesen und Handel (ab Sektor 33 Dienstleistungen) vorgenommen. Hier wären noch einige Ungereimtheiten, die ich aber aus Faulheit nicht bereinigt habe (Umstellung der I-O Tafel durch Vertauschen von Zeilen und Spalten).

 

 

Das erste Bild vergleicht die Brutto-Produktionswerte zu Herstellungspreisen (während die Vorleistungen und die Endnachfrage zu Anschaffungspreisen bewertet sind) mit

den klassischen Arbeitswerten

den stofflichen Arbeitswerten

 

Die Normierung erfolgt nach der Summe der BPWs in Mio EURO

 

 

Das nächste Bild vergleicht die empirischen BP-Werte mit den Produktionspreisen (ausgeglichene Profitraten auf das konstante – in diesem Fall nur das zirkulierende, nicht aber das fixe – kapital vermehrt um das variable Kapital (Löhne ohne Sozialversicherungsbeiträge der Unternehmer, kann aber genauso incl. Sozialversicherungsbeiträgen gerechnet werden – die Daten sind vorhanden). Die Arbeitswerte stofflich sind ebenfalls zu Vergleichszwecken sichtbar.

 

 

 

Die Ergebnisse sind in Bezug auf die Ähnlichkeit der jeweiligen Werte mit den Ist-Werten (BPWs) nicht schlecht: Die Korrelation zwischen BPW und den klassischen Werten ist  0.940, die Korrelation zwischen den stofflichen Werten ist 0.904, und die Korrelation der BPWs mit den Produktionspreisen beträgt ziemlich hohe  0.974.

 

Die folgenden Grafiken zeigen die relative Aufteilung der Produktionswerte in c (grün), v (blau) und m (rot): Die Spitze über 1 im letzten Sektor bedeutet einen negativen Gewinn (DL privater Haushalte). Die Sektoren mit den sehr hohen Gewinnanteilen (45 und 46) sind Leasingsektoren. Der erste Sektor Landwirtschaft hat niedrige Löhne, da der größte Teil der Arbeitszeit von selbständigen Bauern/Bäurinnen geleistet wird.

 

Ist Werte: Wertstruktur

 

 

Die folgende Grafik zeigt die klassischen Arbeitswerte in ihrer Struktur: Man kann einige Sektoren bemerken, die in diesem Preissystem Verluste schreiben.

 

 

Das nächste Bild zeigt die stofflichen Arbeitswerte, wobei die Dienstleistungssektoren zu Reproduktionskosten (ohne Mehrwertvermittlung) bewertet sind. Der BPW der Dienstleister setzt sich nur aus c und v zusammen, m = 0. Die Mehrwertanteile der stofflichen Sektoren sind höher als bei allen anderen Preissystemen. Mit diesen Mehrwerten wären sie in der Lage. Das gesamte Mehrprodukt zu kaufen und zu investieren, während die Dienstleister ohne Mehrwert verbleiben.

 

 

Die letzte Grafik der Wertstrukturen zeigt die Produktionspreise: Incl des öffentlichen Sektors ergibt sich eine durchschnittliche Profitrate von rund 25% (natürlich würde sie viel kleiner sein, wenn etwa das konstante fixe Kapital eingerechnet werden würde, sie würde dann auf 5% bis 8% sinken (entspräche einem fixen Kapital, das 5 bis 3 Mal größer wäre als das zirkulierende).

 

 

Nun noch die Werte in absoluten Größen: Die Bilder sind  so zu lesen, dass der Mehrwert ab der Nulllinie nach oben aufgetragen wird, nach unten das variable und darunter das zirkulierende Kapital. Das erste der folgenden Bilder zeigt die Ist-BPWs in Mio Euro:

 

 

 

 

Das folgende Bild zeigt die klassischen Mehrwerte, allerdings in 1000 Arbeitsstunden gemessen

 

 

Das nächste Bild zeigt die stofflichen Werte, ebenfalls in 1000 Arbeitsstunden gemessen, das sind natürlich viel weniger:

 

 

Und das letzte Bild dieser Serie zeigt die Produktionspreise, wieder in EURO. Die Gewinnspitzen sind wesentlich gleichmäßiger verteilt als im ersten Bild dieser Serie. Man kann sehen, dass das Verhältnis zischen m/(c+v) für alle Branchen konstant ist.

 

 

Nun habe ich mir noch den Spaß gemacht, die Marxsche Vorgangsweise zur Berechnung der Produktionspreise nachzuvollziehen. Er hat meiner Meinung nach den ersten Schritt eines Iterationsprozesses vollzogen, der das korrekte Resultat ergibt, wenn man diesen Schritt wiederholt. Der Algorithmus führt genau auf den Links-Eigenvektor und den größten Eigenwert der Matrix (A+C) (Der Eigenwert ist gleich 1/(1+r)).

 

Das interessante Ergebnis: nach wenigen Iterationen führen ALLE unterschiedlichen Preissysteme (klassisch, stofflich und Ist-Preise) zu den gleichen Produktionspreisen. Ich illustriere dieses Resultat anhand der Wertstruktur nach der 2. Iteration. Ausgangspunkt sind die obigen Wertstrukturen der einzelnen Preissysteme.

 

Ist-Preise nach zwei Schritten des Profitratenausgleichs:

Klassische Werte (die bisher negativen Gewinne sind verschwunden)

 

 

 

Stoffliche Werte

 

 

 

Soweit bin ich bisher gekommen.

Zum Schluss noch ein Video des Transformationsproblems

 

Mit den besten Grüßen und der Bitte um Ihren Kommentar.

 

Herzliche Grüße

Peter Fleissner