Di 18.03.2008 11:50

Georg Quaas an Peter Fleissner

Lieber Peter Fleissner,

 

tut mir leid, dass die Antwort so lange hat auf sich warten lassen und wahrscheinlich auch nicht ausreichend ist. Ich hoffe, der Diskussionsfaden reißt dennoch nicht ab. Alles andere im folgenden Attachment:

 

Lieber Peter Fleissner,

 

ja, das ist schon toll, was Sie da machen! Das sage ich als jemand, dessen Herz noch für die Werttheorie schlägt.

 

Ihre Rechnungen und Grafiken verdienen, mal in aller Ruhe angesehen zu werden. Auf den ersten Blick schien mir, dass Ihr mathematisches Modell der Werttheorie ziemlich einfach ist. Damit meine ich, dass die Preisgleichungen ja eher aussehen wie die von Sraffa (in der Formulierung von Schefold). Früher hätte ich das scharf kritisiert, aber jetzt – mit größerer Nähe zur Empirie – sehe ich das liberaler.

 

Generell glaube ich, dass man zunächst einmal über die prinzipiellen Dinge diskutieren sollte, und dann erst darüber, ob eine mathematische Umsetzung gelungen ist oder nicht. Das ist auch das, was ich momentan an Diskussionsbeiträgen liefern kann. Die prinzipiellen Differenzen beginnen mit der folgenden Frage, deren sachliche Brisanz mir nicht verborgen geblieben ist:

 

Wie auch immer MPS rechnete: Bitte können Sie mir Beispiele für den Beitrag nennen, den eine Dienstleistung zum Mehrprodukt leistet? M.E. ist eine Dienstleistung so definiert, dass sie im Augenblick der Produktion konsumiert wird, was bedeutet, dass sie nicht Bestandteil des Mehrprodukts sein kann.

 

Ja, so wird die Dienstleistung definiert. Trotzdem gehört sie ja wohl zum BIP, BSP, BNE oder was auch immer wir mit „Produkt“ bezeichnen  wollen. Mir scheint, dass Sie unter „Produkt“ ein stoffliches Produkt verstehen; nur so hat dieser Einwand eine zwingende Logik. Für mich ist aber ein Produkt alles, was produziert worden ist; eine Leistung zum Beispiel vergegenständlicht sich in der Veränderung stofflicher Dinge; das Resultat der Veränderung ist ein Produkt, auch wenn es nicht selber stofflich ist.

 

Damit wird die Marxsche Vorstellung, man könne das Gesamtprodukt sich als eine Warensammlung denken und dann den Teil abspalten, der das Mehrprodukt ausmacht, problematisch. Wenn man an diesem Modell festhalten will, dann muß man wohl so viel Phantasie haben müssen, um Veränderungen hinzuzudenken. Dann könnte auch die Leistung eines Friseurs oder eines Fensterputzers einen Teil des  Mehrprodukts repräsentieren.

 

Wir diskutieren hier über die philosophischen Grundlagen der Werttheorie. Natürlich kann man den Produktbegriff auch so eng fassen wie Sie das möchten. Ich stimme auch zu, dass Marx höchstwahrscheinlich mit diesem engen Begriff am besten verstanden werden kann. Allerdings hatte Marx einen Materiebegriff, der über das Stoffliche hinausgeht. Der Mehrwert ist so wie der Wert ein unstoffliches, aber materielles Objekt. Der von einer Gesellschaft insgesamt produzierte Mehrwert, also etwas Unstoffliches, definiert bei Marx das, was Mehrprodukt sein soll, also etwas Stoffliches. Die Arbeit, also ein Prozess und kein stoffliches Ding, hat die von Ihnen angegebene Eigenschaft mit der Dienstleistung gemein, dass sie in dem Moment verschwindet (erlischt), in dem sie aufhört. Arbeit und Dienstleistungen vergegenständlichen sich in ihren Produkten als Wert und (veränderter) Gebrauchswert. Für einen Werttheoretiker sollte problematisch sein, wenn man vom Wert der Arbeit oder dem Wert einer Dienstleistung spricht; unproblematisch sollte aber sein, dass sowohl Arbeit als auch Dienstleistungen einen Beitrag zum Wertprodukt leisten! (Oder schlichter gesagt: einen Wert schaffen.) Und wenn das der Fall ist, dann können beide unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen auch einen Beitrag zum Mehrwert leisten, den man sich dann als einen Teil des stofflichen Gesamtprodukts vorstellen kann.

 

Unter dem „Wert einer Dienstleistung“ würde ich also den Wert verstehen, den sie schafft. In Marxschen Sinne wäre das sprachlich zwar ein gelber Logarithmus, aber ich möchte ja auch von meinen Kollegen noch verstanden werden.   

 

 

[…]

 

Hier stimme ich vor allem dem letzten Satz zu, aber wir sollten den Übergang aus den früheren klassischen Formen der Wertrechnung explizit machen und bewusst vollziehen. Eine wichtige Konsequenz, die sich nämlich (und auch mit der Transformation der Werte in Preise) ergibt, ist, dass die Arbeitszeit, die in den stofflichen Bereichen direkt und indirekt geleistet wurde und einen bestimmten Wert darstellt, nach der Transformation nicht mehr in der gleichen Höhe andere Gebrauchswerte im Ausmaß der geleisteten Arbeitszeit am Markt eintauschen kann, d.h. das Prinzip des gerechten Tausches ist verletzt.

 

Das Prinzip des gerechten Tausches – falls Sie damit Arbeitszeit gegen Arbeitszeit meinen – ist auch schon bei einem „reinen Wirken“ des wertmäßigen Äquivalententausches verletzt.

 

 

[…]

 

Ich behandle hier nur Gleichgewichtspreise. Angebots- und Nachfrageüberlegungen habe ich in einem paper zu einem „konkreteren“ Transformationsproblem angestellt. Ich hänge es an.

 

Habe ich noch nicht gelesen. Sobald das der Fall ist, schreibe ich Ihnen.

 

 

[…]

 

Ich nähere mich der Wertrechnung unter zwei Annäherungsweisen. Die erste geht von Band 1 des Kapital aus und bezieht nur stoffliche Arbeit ein. Dann sind alle Bereiche außerhalb (also alle Dienstleistungsbereiche) von stofflicher Arbeit zu alimentieren. Die Werte in der Input-Output Rechnung in den Dienstleistungen sind daher ein zweites Mal auftretende Bestandteile des Produktionsergebnisses der stofflichen Sektoren (entweder zunächst als Bestandteil des Mehrwerts gesehen oder als Bestandteil der Produktionskosten, die ja immer aus der Wertmasse bezahlt werden müssen.

 

Die zweite geht wie Sie davon aus, dass heute die Dienstleistungen nicht mehr zu vernachlässigen sind, obwohl sie nichts zum Mehrprodukt beitragen. Dann wäre eine theoretische Möglichkeit, das gesamte Produkt als Ergebnis der lebendigen Arbeit des Gesamtarbeiters plus die Arbeitszeit, die in den Vorprodukten (incl. der Übertragung von Teilen des fixen Kapitals auf das neue Produkt) steckt zu betrachten. Dann ist das Mehrprodukt (das nach wie vor nur stofflich ist) als Ergebnis der Kombination von stofflichen und dienstleistenden Arbeiten anzusehen. Die Ausbeutung des Gesamtarbeiters wird dann auf der betrieblichen Ebene sozusagen individualisiert, das Ausmaß der Ausbeutung hängt dann nicht mehr von den einzelnen Betrieben ab, sondern, immer von der Aktivität und Produktivität aller Glieder des Gesamtarbeiters. Die Sicht der Produktionspreise entspricht der zweiten Annäherungsform.

 

Ich würde auch beide Varianten für möglich halten – bei der Formulierung einer der heutigen Zeit entsprechenden Werttheorie. Nur kann ich immer noch nicht ganz nachvollziehen, wieso Sie beim zweiten Ansatz darauf bestehen, dass das Mehrprodukt stofflich sein muß. Sind wir uns denn wenigstens darin einig, dass das Mehrprodukt dieselbe Natur hat wie das Produkt?

 

Was ich tun müßte (und wozu ich wahrscheinlich demnächst keine Gelegenheit haben werde) ist, meine „Arbeitsquantentheorie“ mit Hilfe der Differenzierung stoffliches / unstoffliches Produkt zu konkretisieren. Bisher habe ich immer geglaubt, dass sie mit beiden Ansätzen kompatibel ist. Das müßte man aber erst einmal überprüfen.

 

Es tut mir leid, dass ich an dieser Stelle schon passen muß. Mal sehen, vielleicht komme ich über die Feiertage dazu, mehr von Ihnen zu lesen.

 

Mit herzlichen Grüßen

Georg Quaas