Von: Georg Quaas [mailto:quaas@gmx.net]
Gesendet: Dienstag, 25. März 2008 20:09
An: Prof. Dr. Peter Fleissner
Betreff: Re-Definition der Dienstleistung

 

Lieber Peter Fleissner,

 

ich hole mal ganz weit aus, weil es doch einige Missverständnisse gab und ich es SO noch am kürzesten sagen kann, was ich denke.

 

Marx unterscheidet (z.T. explizit, teilweise aber auch implizit) vier Ebenen: (i) die gebrauchswertmäßig-stoffliche Struktur einer Volkswirtschaft, (ii) die wertmäßige Struktur, die (bei unterschiedlicher organischer Zusammensetzung) davon systematisch abweichende Produktionspreisstruktur und (iv) die empirische Ebene der tatsächlich beobachteten Preise. Wenn Sie sagen, dass die Marxschen Werte bzw. „die Marxsche Werttheorie völlig gleichberechtigt mit allen anderen Gleichgewichtspreissystemen ist“, so ist das abstrakt mathematisch gesehen richtig. Wenn Sie dabei zum Beispiel an Sraffas Preise gedacht haben, kann ich dem nur zustimmen. Ontologisch und gnoseologisch gibt es aber beträchtliche Unterschiede: (ii) und (iii) sind reine Rechengrößen, so lange jedenfalls, wie es niemanden gelingt, ihren Einfluss auf den gesellschaftlichen Stoffwechselprozess nachzuweisen. Dagegen beinhalten die Ebenen (i) und (iv) beobachtbare Sachverhalte. Eine bloße Rechengröße ist demgegenüber immer im Nachteil (vom Standpunkt einer empirischen Wissenschaft, versteht sich). Betrachten wir nun (ii) und (iii), so benötigen beide Ebenen Informationen aus der Ebene (i); insbesondere sind die Werte (ii) für die Bestimmung der  Produktionspreise (iii) nicht erforderlich. – Das ist die These von Friedrun Quaas auf der Seite 141 (7), die ich ebenfalls unterschreiben kann. – Der  Irrtum von Marx bestand darin, dass – wie Sie ebenfalls schreiben – Marx bei der Transformation der Werte in Produktionspreise auf halbem Wege stehen geblieben ist. Wollen Sie sagen, dass ‚Irrtum’ dafür ein zu hartes Wort ist? M.E. kann man schon von einem Irrtum sprechen, wenn man einen Teil einer zusammengehörigen Preissumme aus Wertpreisen, den anderen aus Produktionspreisen bestehen lässt. Ihre Verteidigung von Marx sieht vergleichsweise so aus: Der Kaiser zählt Dollar und Euro zusammen. Nachdem der Schatzmeister seinen Kaiser auf den Irrtum aufmerksam gemacht hat, verteidigt ihn der Hofnarr: Der Kaiser ist bei der Berechnung der Gesamtsumme nur auf dem halben Wege stehen geblieben…

 

Zu den philosophischen Grundsatzfragen. Unter „Gebrauchswert“ verstehe ich ein qualitativ und quantitativ bestimmtes stoffliches Ding, das irgendein menschliches Bedürfnis befriedigt, also ein Gut. In diesem Punkt dürften unsere Positionen sehr nahe sein. Trotzdem haben Sie mich missverstanden: Dienstleistungen sind für mich niemals Gebrauchswerte, da ihnen die Stofflichkeit fehlt. Dass sie einen Nutzen haben und auch Käufer finden, reicht nicht aus, um ein Gut zu sein. – Ich muss aber noch ein wenig präziser werden. Dazu zunächst ein anderes Kategorienpaar:

 

Der Begriff des Produktes ist von dem des Gebrauchswertes klarerweise verschieden. Produkte sind Resultate eines Prozesses. Dabei kann es sich auch um reine Naturprozesse handeln, die dann eben ein Naturprodukt erzeugt haben. Die Unterscheidung ist auch hier relativ: Ein Wasserfall ist das Produkt geologischer Prozesse – und zugleich selbst ein Prozess.

 

Einige Produkte liegen in stofflicher Form vor, andere sind lediglich an stoffliche Dinge gebunden. Als Beispiel für letzteres lässt sich die erfolgte Ortsveränderung eines stofflichen Dinges (Körpers) anführen: Dabei handelt es sich um ein an stoffliche Dinge gebundenes nicht-stoffliches Produkt.

 

Wenn wir Ökonomie betreiben, dann handelt es sich um Naturprozesse, in denen die menschliche Arbeit eine maßgebliche Rolle spielen muss, um ein bestimmtes Produkt zu erhalten. Man kann wohl unterstellen, dass dieses Produkt einen Nutzen hat, sonst würde sicher keine Arbeit eingesetzt, um es zu produzieren.

 

Auch unter ökonomischem Gesichtspunkt bleibt aber richtig, dass das Produkt, zu dessen Herstellung menschliche Arbeit erforderlich war, in stofflicher oder nicht-stofflicher Form vorliegen kann. Wenn das Arbeitsprodukt in stofflicher Form vorliegt, dann handelt es sich in meinem Verständnis um einen Gebrauchswert. Andernfalls handelt es sich um das Resultat einer Dienstleistung, das ontologisch gesehen in einer Zustandsänderung an anderen Gebrauchswerten besteht.

 

Damit ist klar, dass ich Ihrer Behauptung widersprechen muss, dass „Gebrauchswerte … die umfassendste Kategorie des Ergebnisses von Arbeit“ sind. Um es noch einmal aufzuschlüsseln: Auch reine Naturprodukte (Bernsteine) können Gebrauchswerte sein. Arbeit erzeugt nicht nur Gebrauchswerte, sondern auch nützliche Zustandsänderungen (dafür scheint es kein deutsches Wort zu geben: „Dienstleistung“ will ich für den Prozess benutzen, der die nützliche Zustandsänderung herbeiführt.)

 

Schauen wir, ob diese Philosophie auf die von uns gemeinsam akzeptierten Beispiele für Dienstleistungen zutrifft!

 

(1) Der Haarschnitt. Genauer gesagt: Das Haareschneiden (=Prozess) einerseits und der Haarschnitt (Produkt) andererseits. Die Dienstleistung ist nach meinem Verständnis das Haareschneiden, das Resultat befindet sich auf dem Kopf des Kunden und besteht in einer Zustandsänderung dieses Kopfes, genauer gesagt: der sich dort eventuell noch befindlichen Haare. Das Haareschneiden ist ein Naturprozess, an dem menschliche Arbeit ganz maßgeblich oder sogar überwiegend mitwirkt. Das Resultat dieses Prozesses ist der Haarschnitt, den der Kunde des Barbiers genauso getrost nach Hause tragen kann wie eine eventuell noch zusätzlich erworbene Perücke.

 

Bleiben wir einen Moment bei diesem Beispiel!

 

Wollen Sie ernsthaft bezweifeln, dass das Haareschneiden ganz wesentlich menschliche Arbeit, also Verausgabung menschlicher Arbeitskraft ist? Wenn ja: Worin unterscheidet sich dann das Haareschneiden von dem Prozess, bei dem einer bereits vorhandenen Perücke eine andere Frisur verpasst (und diese dann verkauft) wird?

 

Warum schneidet das stoffliche Produkt angeblich besser ab als die Dienstleistung?

 

Zunächst muß ich daran die kategoriale Konfusion richtigstellen. Die Dienstleistung ist ein Prozess, das stoffliche Produkt dagegen das Resultat eines Prozesses, insofern vergleichen Sie hier kategorial ganz verschiedene Dinge. Ich interpretiere jetzt Ihr Wort „Dienstleistung“ im Sinne von „Resultat einer Dienstleistung“.

 

Das Resultat einer Dienstleistung ist in der Tat nicht-stofflicher Art und unterscheidet sich in diesem Punkt von einem stofflichen Produkt. Soweit kann ich Ihnen zustimmen, weiter aber auch nicht! Der Unterschied ist nämlich – genauer betrachtet – ökonomischer und nicht ontologischer Natur.

 

Der Nutzen, den beide – Güter und Dienstleistungen – haben, ist letztlich an stoffliche Dinge gebunden. Dienstleistung und Warenproduktion haben dies gemeinsam, eine  Zustandsänderung an stofflichen Dingen zu bewirken. Analysieren wir die Dienstleistung Haareschneiden unter dieser Fragestellung! Die Haare des Kunden sind das stoffliche Ding, dessen Zustand verändert wird. Im Unterschied zur Perücke befinden sich aber die Haare bereits im Besitz des Kunden! DAS IST DER GANZE UNTERSCHIED! Der Haarschnitt kann nicht verkauft werden, weil er an die Haar gebunden ist und diese sich bereits im Besitz des Kunden befinden!

 

Wird der Haarschnitt dagegen auf Haare einer Perücke angewandt, so handelt es sich um einen ganz gewöhnliches Gut. Das Haareschneiden hat eine Zustandsveränderung der Perückenhaare bewirkt. Die Perücke repräsentiert jetzt in stofflich-dinglicher Form diese Zustandsveränderung, soll heißen, den Haarschnitt. Und so kann er dann auch verkauft werden.

 

Der entscheidende Unterschied zwischen dem Resultat einer warenproduzierenden Arbeit und einer Dienstleistung besteht demnach NICHT darin, dass erstere ein stoffliches Produkt aufzuweisen hat und letztere nicht; der Unterschied besteht darin, dass sich der dingliche Träger des Dienstleistungsresultats von Anfang an im Besitz des Kunden befindet, was bei der warenproduzierenden Arbeit nicht so ist.

 

(2) Die Dienstleistung des Schulmeisters. Nach Marx werden hierbei auch Köpfe bearbeitet, wenn auch auf andere Weise.

 

Welche Veränderung soll durch diese Dienstleistung bewirkt werden? Ganz allgemein gesagt: Eine dauerhaft verinnerlichte und gesellschaftlich erwünschte Verhaltensänderung der Zöglinge. Etwas polit-ökonomischer: Es sollen Arbeitskräfte, deren (zukünftigen) Träger die Schüler sind, produziert („gebildet“) werden. In der bürgerlichen Gesellschaft sind diese Arbeitskräfte von vornherein Eigentum ihres Trägers. Die Tätigkeit des Lehrers ist somit eine Dienstleistung, weil er (nach meiner Definition) ein Produkt erzeugt, das sich im Eigentum anderer befindet (und nicht, weil das Produkt unstofflich ist).  

 

Wäre der Zögling ein Sklave des Lehrers, so wurde der Lehrer genau dieselbe Tätigkeit verrichten, aber sein Produkt wäre ein gebildeter Sklave, den man – wie  andere Waren auch – verkaufen kann.

 

Und nun zu Ihrem Satz:

 

„Aber wenn es um Lagerung, Speicherung, Investition, Wiederverkauf und Akkumulation geht, schneidet das stoffliche Produkt besser ab als die Dienstleistung.“

 

Das trifft zwar für Haarschnitt und Bildung zu, aber nicht, weil diese Arbeitsprodukte unstofflich wären, sondern weil ihre stofflichen Träger Menschen sind, die man in einer freiheitlichen Gesellschaft halt nicht lagern und speichern kann.

 

Schauen wir uns nach anderen Dienstleistungen um, deren Träger keine Menschen sind, so stimmt ihr Satz nicht mehr:

 

(3) Der Schuhputzer (den ich mal anstelle des Fensterputzers nehme). Die zu putzenden Schuhe befinden sich nicht im Besitz des Schuhputzers, das Schuhputzen verläuft analog zum Haareschneiden, aber das Resultat, die geputzten Schuhe, können sehr wohl gelagert, gespeichert etc. werden.

 

(4) Da fällt mir noch ein Beispiel ein, das im „Kapital“ steht (wenn es ein muss, suche ich die Stelle raus): die Reparatur einer Maschine. Auch hier trifft meine Analyse zu: Der zu bearbeitende Gebrauchswert befindet sich in der Hand eines anderen. Eben darum sind Reparaturarbeiten Dienstleistungen.

 

Ich halte fest: Die Stofflichkeit ist es nicht, die über die Einstufung einer Tätigkeit als Dienstleistung entscheidet! Dementsprechend auch nicht die Lagerfähigkeit etc.

 

Ich habe das Beispiel (4) nicht ohne Hintergedanken gewählt. Ich möchte nämlich jetzt auf die Frage kommen, ob Dienstleistungen wertschaffend sind. Wenn ich mich recht erinnere, sagte Marx zu den Kosten der Reparaturarbeiten, dass sie zu den Entstehungskosten der Maschine gerechnet werden müssen. Da hierbei Wertpreise (Preise, die den Wert adäquat ausdrücken) handelt, dürfte Marx also DIESE Dienstleistung als wertbildend angesehen haben.

 

Soweit ein kleiner (leider unbelegter) Autoritätsbeweis. Doch weiter!

 

M.E. sind Dienstleistungen generell wertbildend.

 

Die Gründe DAFÜR sind: Dienstleistungen sind Arbeitsprozesse, also von Menschen in Gang gesetzte und kontrollierte Naturprozesse, mit deren Hilfe die Menschen ihren Stoffwechselprozess mit der Natur regulieren; dabei wird menschliche Arbeitskraft verausgabt. Gäbe es kein Eigentum, würde sich die Dienstleistung in nichts von einer gewöhnlichen Arbeitsleistung unterscheiden. Allerdings gäbe es dann auch keine Waren und keine Werte, und die Frage der Wertbildung wäre gegenstandslos.

 

Was spricht also gegen meine These? Das Resultat einer Dienstleistung ist keine Ware, weil es kein handelbares Gut ist. Insofern könnte man sagen, dass zwar Arbeitskraft verausgabt wird, sich diese aber nicht in Wert darstellen kann, weil es keine Ware gibt, die ihn trägt.

 

Genau das ist m.E. der Punkt, an dem uns Marx verlassen hat. WIR müssen also entscheiden, wie es von hier aus weitergehen kann und soll.

 

Aus dem obigen Argumenten ergibt sich: Zwar gibt es keine Ware, in die sich die Dienstleistung wertbildend vergegenständlichen könnte, es gibt aber einen stofflichen Träger (der Kopf, der Eleve, der Schuh, die Maschine). In einer warenproduzierenden Gesellschaft können alle diese Dinge Warenform annehmen. Dann erscheint auch der von einer Dienstleistung erzeugte Wert als Bestandteil des Wertes des zur Ware gewordenen Trägers der Dienstleistungsresultate.

 

Bei der Arbeitskraft liegt das auf der Hand. Ihr Träger ist der Mensch. Sie wurde nicht nur durch den Verzehr von Lebensmitteln und durch Haus- und Eigenarbeit produziert, sondern auch durch die Dienstleistungen des Barbiers, des Schulmeisters etc.

 

An dieser Stelle fällt mir wieder ein Gegenargument ein, auf das Sie sich sicherlich berufen werden. Marx meint in diesem Zusammenhang, dass der Wert der vom Schulmeister verbrauchten Lebensmittel stückweise in den Wert der von ihm ausgebildeten Arbeitskraft eingeht. Offenbar stellt sich Marx hier so etwas wie eine Wertübertragung vor und schließt damit die Wertbildung definitiv aus. 

 

Jedenfalls habe ich die folgende Stelle so gelesen:

 

„Friseurleistungen und die Leistungen eines Fensterputzers können insofern als Teil des Mehrprodukts angesehen werden, wenn man hinter den entsprechenden Gebrauchswerten die damit verbundenen stofflichen Voraussetzungen der Reproduktion des Fensterputzers oder des Friseurs als Posten in der SNA-VGR meint.“

 

Das finde ich etwas paradox. Obwohl eine Dienstleistung sich ontologisch in nichts von einer gewöhnlichen Arbeitsleistung unterscheidet, soll sie zwar Werte übertragen, aber nicht schöpfen können?! Warum nicht? Müsste an dieser Stelle nicht ein Grund angegeben werden, warum die Verausgabung von Arbeit als Dienstleistung keine Werte schafft, dieselbe Arbeit als warenproduzierend aber schon? (Haarschnitt/Perücke!) Als Grund würde ich akzeptieren: Wenn es nichts gäbe, worin oder woran sich der Wert vergegenständlichen könnte. Aber diese Dinge gibt es ja! Die Arbeitskraft, die reparierte Maschine, der geputzte Schuh etc.

 

Kommt noch hinzu, dass der Prozess der Wertübertragung polit-ökonomisch von den Produktionsmitteln (wozu die Arbeitskraft nicht gehört) auf das Produkt erfolgt. Die Annahme, dass Dienstleistungen lediglich Werte übertragen können, setzte den Dienstleister mit einem Produktionsmittel gleich.

 

Ich denke, an dieser Stelle muss man Marx, der diese Dinge nur am Rande behandelt, revidieren. Der Schulmeister ist ein Arbeiter wie jeder andere auch. Er ist Träger von Arbeitskraft, in deren Bildungskosten nicht nur Lebensmittel (einschließlich Bücher) eingegangen sind, sondern auch der Wert, den die Arbeit anderer Lehrer in ihn „vergegenständlicht“ hat. Er selbst erhöht den Wert der (potenziellen) Arbeitskräfte, deren Träger seine Schüler sind.

 

Dienstleistungen sind wertbildend, und in keiner Weise wertübertragend![1]

 

Von dieser Position ist die von Ihnen gerügte Doppelzählung der Dienstleistungswerte gar nicht denkbar. Denn diese käme nur in Betracht, wenn Dienstleistungen Werte übertragen könnten.

 

Also Ihr Satz „Es ist aber dann ebenso klar, dass sie dann bepreiste Gebrauchswerte darstellen, die einen Wert repräsentieren, der aus den materiell produzierenden Sektoren stammt, und damit Doppeltzählungen, die in den materiell produzierenden Sektoren schon einmal gezählt wurden“ beruht auf dem Marxschen Wertübertragungsmodell, wonach lebendige Arbeitskräfte, wenn sie Dienstleister sind, den Wert, den sie verkörpern, so wie tote Produktionsmittel lediglich auf ihre Erzeugnisse übertragen können. (Komischerweise erledigen sie diese Sache gleich noch selber: Wie ein Automat seinen Wert auch gleich selber auf das Produkt überträgt.)

 

[Um es noch einmal zu sagen: In der VGR tritt das Problem im Prinzip NICHT auf, weil Dienstleistungen zu den Vorleistungen zählen und die bei der Analyse der einzelnen Wertschöpfungsakte abgezogen werden.]

 

Er ist klar, dass im Rahmen der Wertübertragungsmodells Dienstleistungen niemals Mehrwert erzeugen können, da sie ja überhaupt keinen Neuwert schaffen. Wenn sich der Wert der von den Dienstleistungen geschaffenen Produkte durch ihre Reproduktionskosten bestimmt, dann bleibt kein Platz für einen Profitanteil auf der Wertebene (will sagen: für Mehrwert). Für SIE dürfte sich also die folgende Frage, die Sie wahrscheinlich nur polemisch aufgeworfen haben, gar nicht stellen:

 

„Die Frage stellt sich dann zusätzlich, ob die Reproduktionskosten der Dienstleistungen nur reine Reproduktionskosten darstellen oder auch einen Profitanteil enthalten.“

 

Ihre Antwort glaube ich jetzt verstanden zu haben, wenngleich ich sie aus den oben angegebenen Gründen in allen Punkten ablehne:

 

„Der wesentliche Unterschied zwischen Waren und Diensten ist, dass der produzierte Mehrwert nach einer Transformation zwar in allen Sektoren angeeignet werden kann, dass aber deshalb das erzeugte Mehrprodukt dennoch nur in den materiell produzierenden Sektoren erzeugt wurde. Weitet sich der Dienstleistungsanteil einer Volkswirtschaft aus, bedeutet das, dass die Durchschnittprofitrate fallen muss, was auch gleichbedeutend ist, dass die Ausweitung ceteris paribus mit einer immer kleiner werdenden maximalen Wachstumsgeschwindigkeit für die Akkumulation von Kapital insgesamt einhergeht (außer es gibt aufgrund der Dienstleistungen sekundäre Effekte auf die Arbeitsproduktivität oder auf die Struktur der Matrizen A oder C). „

 

Oder

 

„Und „Wert schaffen“ ist vielleicht zu viel gesagt. Meine Formulierung wäre eher „Wert bzw. Profit oder Mehrwert vermitteln“.“

 

Ja, eben das ist die falsche Richtung einer Konkretisierung der Werttheorie für Dienstleistungsgesellschaften! Sie favorisieren ein Wertübertragungsmodell. – Da gibt es in Ihrem Text natürlich noch die anderen, davon abgeleiteten Behauptungen: Es dürfte klar sein, dass ich dem nicht zustimmen kann, solange Sie mir keinen Fehler in meinen Argumenten nachweisen.

 

Ein besonderer Fall ist noch dieser: Das was Sie zu Informationen sagen.

 

„Ein schönes Anwendungsbeispiel aus der Gegenwart für diese Problematik sind Informationsgüter. Sie werden erst dadurch zu vollwertigen Waren, dass sie auf einem materiellen Träger vergegenständlicht werden, das Siegel der Individualität durch eine Lizenznummer, eine ID etc. erhalten, und parallel dazu per Gesetz nicht kopiert werden dürfen (via Intellectual Property Rigths). Deshalb macht es Sinn, dass sie gespeichert, akkumuliert und weiterverkauft werden. Damit wurde im Zuge der Informationsgesellschaft ein weites Feld menschlicher Tätigkeiten zur Ware, und über Primär- und Sekundärmärkte ein neues Feld der Aneignung von Profit.“

 

Ich denke, das ist überhaupt kein Anwendungsfall für das Dienstleistungsproblem. Informationen haben m.E. immer einen materiellen Träger: die sich nach Brown bewegenden Gasmoleküle, Parkbänke, sich in Luft, Wasser oder Beton ausbreitende Schallwellen, elektromagnetische Felder, Festplatten oder Internetseiten. Es kann aber sein, das sich bestimmte Arten davon für den Kauf/Verkauf nicht eignen. Klar, dass man nur mit Informationen  Geschäfte machen kann, die man auch zurückhalten kann! Nochmals: Mit Dienstleistungen hat das nix zu tun, so oft das auch in der akademischen Welt auch behauptet werden mag.

 

Es gibt noch andere offene Punkte:

 

„In einer Wirtschaft mit nur materieller Produktion ist der Äquivalententausch (Werte tauschen sich proportional den darin enthaltenen Arbeitszeiten) m.E. NICHT verletzt. Wie können Sie Ihre Aussage begründen?“

 

Antwort: Mit der Arbeit „Werttheoretische Rekonstruktion der Konkurrenz als Ursache der Unterentwicklung. In: Friedrun & Georg Quaas (Hrsg.): Elemente zur Kritik der Werttheorie. Peter Lang-Verlag, Frankfurt a. M. 1997.“

 

Wenn ich auf meinem Laptop noch ein File dazu finde, hänge ich es an. Wenn keins dran hängt, bin ich nicht fündig geworden. Dann müsste ich Ihnen eine Kopie per Post schicken.

 

Ich hoffe, damit haben Sie jetzt einiges zum Kritisieren!

 

Herzliche Grüße

Georg Quaas

 

PS: Ich habe ein File gefunden, aber die Formeln sind nicht lesbar. Ich stelle Sie wieder her und schicke es Ihnen dann (eben etwas später).

  



[1] Die Aussage: „Dienstleistungen sind wertbildend, und in keiner Weise wertübertragend“ ist eine übertriebene Darstellung meiner Position, deren Kern darin besteht, Dienstleistungen unter das Marxsche Modell der Arbeit zu subsumieren. Das bedeutet, Dienstleistungen als wertbildend UND wertübertragend anzusehen. Was ich mit dem Begriff des "Wertübertragungsmodells" und mit jenem Satz kritisieren wollte, ist die Reduktion der Dienstleistung auf die Wertübertragung. (Einfügung von Georg Quaas, 30. April 2008)