Mi 02.04.2008 09:35

Peter Fleissner an Georg Quaas

Von: Peter Fleissner [mailto:fleissner@arrakis.es]
Gesendet: Mittwoch, 2. April 2008 09:35
An: 'Georg Quaas'
Betreff: AW: Re-Definition der Dienstleistung

 

Lieber Georg Quaas,

 

Danke. Noch einige kleine Nachfragen:

Zum Äquivalententausch: Sind Sie mit meiner Interpretation einverstanden?

Zu Nelson-Winter: Ist das ein Modell für die gesamte deutsche Volkswirtschaft? Ich kenne die Original-Arbeit der beiden aus dem Jahre Schnee als Mikrosimulationsmodell.

Zu RWI Konjunkturmodell: Was sind seine Besonderheiten? Gibt’s irgendwo ein paper dazu? Ich habe schon einige Makromodelle und I-O Modelle von Volkswirtschaften gemacht, und habe dann neuronale Netze anstelle Regressionsrechnung mit Erfolg (30% geringere Abweichungen bei echten Prognosen) eingesetzt. Das Prognose-Dreieck (aus Original, Vorhersage und Fehler), das bei der linearen Regressionsrechnung rechtwinkelig ist, bewirkt ja wegen der Dreiecksungleichung immer eine kleinere Varianz für die Prognose im Vergleich zum Original. Für neuronale Netze gilt das nicht und man kann daher Schwingungen mit größerer oder gleicher (der bessere Fall) Amplitude wie im Original prognostizieren, dafür sind die Schätzer nicht unbiased (wie im Regressionsmodell).

 

Ich mache ev. in der Zwischenzeit einen Entwurf einer html-Seite und sende Sie Ihnen zum Ändern bzw. für Ihr ok. Ich meine, dass gerade kleine Dinge, die nicht unbedingt zum Thema gehören, einen Text lebendiger erscheinen und leichter lesbar werden lassen. Ich werde eventuell unterschiedliche Farben zur Charakterisierung der Urheberschaft nützen.

 

In den letzten Tagen ist mir noch etwas aufgefallen: eine geometrische Interpretation der Preissysteme im Leontief – Modell. Ist Ihnen so etwas in der Literatur bereits untergekommen? Ich füge einen Ausriss eines Entwurfs an:

 

 

Blickwechsel: Geometrische Interpretation

 

Es ist möglich, Preissysteme nicht als Zahlenkolonnen zu interpretieren, sondern als Koordinaten eines Punktes in einem Raum, der so viele Dimensionen hat wie die Wirtschaft Wirtschaftszweige. Da es eine Bedingung für die Vergleichbarkeit der Preissysteme geben muss (eine Möglichkeit, die häufig verwendet wird, ist die Invarianz der Summe aller bepreisten Gebrauchswerte oder auch – was oft als identisch dazu angesehen wird - der gesamten Wertmasse, d.h. der Wert der gesamten Brutto-Produktion. Sie sollte in allen Preissystemen gleich bleiben, p(i)x = const, wobei i einen Index für irgendein Preissystem darstellt).

 

Die geometrische Interpretation kann dabei in zweifacher Hinsicht erfolgen: p(i)x = const bedeutet einerseits, dass der Vektor p(i) in einem konstanten Winkel zu x steht, denn der cosinus des Winkels phi zwischen zwei Vektoren p und x im n-dimensionalen Raum ist

 

cos(phi) = p(i)x / Wurzel [p(i)p(i)’*x’x]

 

Der Ausdruck Wurzel [x’x] ist nichts anderes als die Länge des Vektors x in einem euklidischen Raum mit n Dimensionen. .Dann bedeutet p(i)x = const, dass cos(phi)*Länge[p(i)]*Länge(x) = const, oder, da die Länge von x fix ist, cos(phi) = const/ Länge[p(i)]. Wählen wir die Länge des Preisvektors als 1, da die Preise immer nur bis auf einen konstanten Faktor bestimmt sind, erhalten wir cos(phi) = const, d.h. der Winkel zwischen p(i) und x muss für alle Preissysteme gleich groß sein. In einer dreidimensionalen Interpretation könnte man sagen, dass alle Preissysteme auf dem Mantel eines Kugelausschnitts liegen, dessen Rotationsachse in Richtung x durch das Zentrum der Kugel geht.[1]

 

 

 

 

Ebenfalls im n-dimensionalen Raum können wir die Zusammensetzung der Stückpreise bzw. die Verwendung des Outputs bzw. der Brutto-Produktion geometrisch interpretieren. Gleichung 11 ermöglicht eine Darstellung von x in Form einer Vektoraddition der Vorleistungen, des Konsums und des Mehrprodukts, Gleichung 22 die Aufspaltung der Kostenanteile der Stückpreise p in konstantes Kapital (pA), variables Kapital (pC) und Mehrwert (pS).

 

 

 

 

 

 

Für Produktionspreise, die ja Links-Eigenvektoren der Reproduktionsmatrix R = A + C darstellen gilt, dass pR, der Aufwand für die Produktion an Vorleistungen und Löhnen, ein Vektor ist, der die gleiche Richtung besitzt wie p und wie der Mehrwert- bzw. Gewinnvektor pS.

 

p = pR + pS = pR (1 + r)

 

Die durchschnittliche Profitrate r aller Sektoren lässt sich aus dem Quotienten von pS1/pR1 errechnen, das Verhältnis zwischen Profit und vorgeschossenem Kapital ist für alle Branchen der durchschnittlichen Profitrate gleich. (1 + r) ist nichts anderes als der invertierte größte Eigenwert der Matrix R.

 

Im Sinne der Dualität lässt sich das Analogon zu den Produktionspreisen auch für die Mengen darstellen: Ist x der Rechtseigenvektor der Matrix R, gibt x ein Verhältnis der Komponenten der Brutto-Produktionswerte wieder, das für gleichgewichtiges Wachstum mit der Rate g notwendig wäre. Der größte Eigenwert der Matrix R ist für den zugehörigen Links- und den Rechtseigenvektor gleich, daher ist das Wirtschaftswachstum g gleich der Profitrate r.

 

x  = Rx + Sx = Rx (1 + g)

 

Diese Überlegung kann den Ausgangspunkt für die Analyse der Marx’schen Schemata der einfachen und erweiterten Reproduktion bilden. Schon nach einem kurzen Blick auf die Marx’schen Zahlenbeispiele wird klar, dass er Zahlenverhältnisse gewählt hat, die weit weg von irgendwelchen Eigenwert-Verhältnissen liegen, die im Prinzip exponentielles Wachstum ermöglichen würden. Daher mühte er sich mit seinen Schemata so ab, und eigentlich war ihm dabei kein Erfolg beschieden. Aber die richtigen Fragen stellte er schon!

 

Wählt man den n-dimensionalen Raum als Raum von Werten (im Sinne von Stückpreisen mal Anzahl), können beide Aspekte der Dualität in einer Grafik dargestellt werden. Sie entspricht den Formeln (13a) und (13b). Die Marx’schen Variablen „c“, „v“ und „m“ sind als Vektoren im n-dimensionalen Raum dargestellt und setzen sich durch vektorielle Addition zum Gesamtwert „w“ zusammen.

 

 

Die Summen der Komponenten der zueinander dualen Vektoren und auch des resultierenden Wertvektors sind immer gleich, egal, ob sie aus der Sicht der Gebrauchswerte oder aus der Sicht der Preise hergeleitet werden:

 

1’diag(p)Ax = pAdiag(x)1 = pAx

 

1’diag(p)Cx = pCdiag(x)1 = pCx

 

1’diag(p)Sx = pSdiag(x)1 = pSx

 

1’diag(p)x = pdiag(x)1 = px

 

Da die Matrizen A und C und der Vektor x gegeben sind, können nur S und p und damit m = pSdiag(x) unterschiedlich gewählt werden, allerdings nicht ohne Einschränkungen. Für unterschiedliche S und p, die ich durch Indizes kennzeichne, also S(i) und p(i), gilt die Restriktion, dass die Profitmasse p(i)S(i)diag(x)1 gleich dem Wert des Mehrprodukts p(i)s = 1’diag(p(i))S(i)x sein muss, wobei s = (E – A – C)x  eine gegebene Invariante ist. Für alle S(i) muss gelten

 

S(i)x = s,

 

d.h. das Mehrprodukt ist in allen Fällen gleich groß.Und für alle S(i) muss jeweils gelten

 

p(i)S(i)x = p(i)s = p(i)(E – A – C)1.

 

Eine spezifische Mehrwertmatrix S(i) lässt sich explizit konstruieren, wenn die Profite bzw. Mehrwerte m(i) bekannt sind, was der Fall wäre, wenn wir die Preise p(i) kennen würden. Die Idee dahinter ist, dass der Mehrproduktsvektor proportional zu den sektorspezifischen Mehrwerten bzw. Profiten aufgeteilt wird:

 

S(i) = s m(i) / m(i)1 = s p(i)(E – A – C) / p(i)(E – A – C)1

= (E – A – C)1 p(i)(E – A – C) / p(i)(E – A – C)1

 

Umgekehrt folgen die Preise p(i) aus einer bekannten Mehrwertmatrix S(i) als Links-Eigenvektor der Matrix-Gleichung mit Eigenwert 1

 

p(i) [A + C + S(i)] = p(i).

 

Eine Bemerkung ist schließlich noch angebracht, auf der Basis der Matrizenrechung nicht verwunderlich, aber im Kontext des Transformationsproblems doch interessant. Wie schon Samuelson richtig beobachtet hat, werden über eine Eigenvektorgleichung die Profitrate und die Produktionspreise gleichzeitig bestimmt. Von welchem Ausgangspunkt die Iteration ausgeht, ob von den Ist-Preisen, Arbeitswerten, die nur stoffliche Bereiche einbeziehen, oder von Arbeitswerten, die alle Sektoren gleichberechtigt behandeln, oder von irgend einem anderen erlaubten Preissystem: Alle Iterationen, die das Marxsche Verfahren des Aufschlags der Profitrate auf das vorgeschossene Kapital anwenden, enden nach einigen Iterationen bei den gleichen Produktionspreisen, die nur bis auf einen konstanten Faktor verändert werden können (siehe nachstehende Grafik als zweidimensionale Ansicht der n-dimensionalen Kugeloberfläche. Die Produktionspreise sind als p(3) dargestellt). Die gestrichelten Linien geben die Pfade an, die bei Iteration nach Marx’ originaler Methode in Richtung auf einen Profitratenausgleich entlang der Kreislinie genommen werden.

Und mit einem gewissen Recht konnte deshalb Samuelson sagen: „Betrachte zwei alternative widersprüchliche Systeme. Schreib das eine hin. Zur Transformation nimm einen Radiergummi und radiere es aus. Schreib dann stattdessen das andere hin. Voilà! Damit ist der Transformationsalgorithmus beendet“[2] Es geschieht in der Evolution häufig, dass ein älteres Regime durch ein neues ersetzt wird, und dass im neuen System dessen Ursprung kaum oder gar nicht aufbewahrt wird. Es genügt aber, wenn die Arbeitswerttheorie Richtigkeit beanspruchen soll, dass sich das kapitalistische System aus einem anderen, einfacheren Regime (logisch - und vielleicht auch historisch  - gemeint) herausgebildet hat, von dem sich kaum mehr Spuren finden, außer durch mathematische Transformationen, die wie in einer Zeitmaschine erlauben, hinter die Oberfläche zu sehen. Es scheint mir aber wichtig, dass die jeweilige Ebene der Analyse widerspruchsfrei und konsistent ist.

 

Und hier liegt der Hund begraben: Es lässt sich zeigen, dass im Falle der Existenz von Dienstleistungssektoren, d.h. von Sektoren, die empirisch dadurch gekennzeichnet sind, dass aus diesem Sektor keine Form von Investitionen stammt, (in der Wortwahl der I-O Tafel Österreich 2003 bedeutet das, die Zahlen für Wohnbauten, Sonstige Bauten, Ausrüstungen, Fahrzeuge, Nutztiere und Nutzpflanzungen, Immaterielle Anlagegüter, Nettozugang an Wertsachen, und die Werte für Lagerveränderungen sind alle gleich Null. Verschwinden diese Spalten der Endnachfrage, liegt eine notwendige Bedingung vor, dass es sich um einen Dienstleistungssektor handelt: Dienstleistungen werden im Augenblick ihrer Produktion verbraucht und können daher keine Investitionsgüter erzeugen, bzw., was damit identisch ist, sie können keinen Beitrag zum Mehrprodukt leisten). Diese Einsicht hat m.E. wichtige Konsequenzen. In einer Wirtschaft mit Dienstleistungen, die positive Profite erwirtschaften, ist das Gesetz des Äquivalententausches verletzt, und die Arbeitswerttheorie wird inkonsistent. Es lohnt sich daher, zu fragen, ob und unter welchen Bedingungen es im Sinne der Arbeitswertlehre eine konsistente Beschreibung einer Wirtschaft gibt, in der äquivalenter Tausch herrscht. Die Antwort ist einfach: Ja, es gibt eine konsistente Beschreibung, wenn die Dienstleistungssektoren bloß zu ihren Reproduktionskosten gerechnet werden, also dass in diesen Sektoren keine Profite angeeignet werden.

 

Die letzten Sätze kennen Sie ja schon auf einer anderen e-mail.

Beste Grüße und vielen Dank für Ihre Geduld

Dr Peter Fleissner


Sa 05.04.2008 11:25

Peter Fleissner an Georg Quaas

Von: Peter Fleissner [mailto:fleissner@arrakis.es]
Gesendet: Samstag, 5. April 2008 11:25
An: 'quaas@uni-leipzig.de'
Betreff: website Vorschlag

 

 

Lieber Georg Quaas,

 

Was würden Sie von einer website halten, die unseren Diskurs visualisiert und wo sich andere jederzeit beteiligen könnten? Ich würde jeweils weitere Diskussionsbeiträge einpassen. (Prototype siehe unten). Das Marx-Bild könnte durch Ihres getauscht werden, wenn Sie es so wollen.

 

Jetzt funktioniert das Anklicken noch nicht, aber im Idealfall sollte – wenn der cursor über dem Bild ist – z.B. folgender Text angezeigt „27. März 2008: Georg Quaas an Peter Fleissner“, und bei einem Klick wird man auf den Text gleitet, den Sie damals geschrieben haben, und dann wieder retour zu dem hier angezeigten Diagramm…usw. Ergänzende Materialien könnte man als pdf-files symbolisieren und so grafisch repräsentieren (siehe Doppelpfeil vom Marx-Icon).

 

Was meinen Sie?

Beste Grüße

Dr Peter Fleissner



[1] Für die I-O Tafel Österreich 2003 ist der Winkel 1,553 Grad, der cos des Winkels = 0.01754.

[2] Samuelson, P.  (1971) Understanding the Marxian Notion of Exploitation: A Summary of the So-Called Transformation Problem Between Marxian Values and Competitive Prices

Journal of Economic Literature 9 2 399–431