20. Mai 2008

alexander.b.voegele@voegele-kunst.de

Von Alexander B. Voegele  an Peter Fleissner

 

 

„Transformationsproblem“ reloaded: Warenwert und Marktpreis

 

Die Frage, wie Preise zustandekommen, ist derzeit wieder ein hochaktuelles Thema. Benzin ist teuer wie noch nie. Noch stärker kletterte der Preis für ein Barrel Rohöl. Die Preise für Lebensmittel steigen gleichfalls. Sinkende Realeinkommen sind die Folge. Warum diese Preise steigen, dafür gibt es viele plausible und vordergründige Erklärungen. Eine grundlegende Analyse von Preisbewegungen im Kapitalismus hat Marx mit seiner Werttheorie geliefert. Ein Schwerpunkt seiner Untersuchung ist der Veränderung der Warenwerte in Produktionspreise, die als Zentrum der Marktpreise fungieren, gewidmet.

 

Die Veränderung der Warenwerte in Produktionspreise weist auf die profitgesteuerte Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit auf die verschiedenen produzierenden und Dienstleistungsbereiche einer Volkswirtschaft unter kapitalistischen Bedingungen hin. Das ist der ökonomische Gehalt der Veränderung der Warenwerte in Produktionspreise.

 

Die Darstellung der Veränderung der Warenwerte in Produktionspreise wurde im Kontext der Diskussion um die Marxsche Werttheorie als analytisch nicht brauchbar bezeichnet. Die Werttheorie wurde und wird damit verworfen. Diese Debatte nahm ihren Anfang vor gut einhundert Jahren[1] und kommt hier (noch) nicht zu Wort.

 

Die folgende Darstellung konzentriert sich auf die grundlegend  ökonomische Bedeutung  der Verwandlung der Warenwerte in Produktionspreise für das Verständnis der kapitalistischen Marktwirtschaft. Es geht um den praktischen Erkenntniswert der Marxschen Analyse für heute.

 

Aus Geld mehr Geld machen. Das ist die Triebfeder des Wirtschaftssystems, das als Kapitalismus bezeichnet wird. Mehr Geld machen, mehr Profit, mehr Gewinn machen, das ist das Ziel eines Unternehmens. Dafür muss es investieren, muss also Gebäude, Maschinen und Anlagen kaufen, die als konstantes Kapital ( c ) bezeichnet werden.

 

Ohne den Einsatz von Arbeit, von Arbeitskraft passiert jedoch in der Produktion nichts. Die (Ware) Arbeitskraft hat die (auch im Kapitalismus) wunderliche und sehr praktische Eigenschaft, innerhalb einer tariflich, gesetzlich oder wie auch immer zustandegekommenen Arbeitszeit mehr produzieren zu können, als zu ihrer Reproduktion erforderlich und notwendig ist. Also bleibt etwas übrig in der Produktion (und auch bei den Dienstleistungen). Das, was übrig bleibt, nennt man Mehrprodukt, im Kapitalismus wird es als Mehrwert bezeichnet ( m ). Angeeignet wird der Mehrwert von dem Kapital, welches die Löhne und Gehälter vorschiesst. Unter kapitalistischen Eigentumsverhältnissen ist das sachlich und rechtlich korrekt.

 

Der Mehrwert entsteht durch den Einsatz menschlicher Arbeitskraft, für den Lohn und Gehalt bezahlt werden. Nur, dieser Mehrwert wird nicht auf die Lohn- und Gehaltskosten bezogen, sondern auf den gesamten Kapitaleinsatz. Also auf das vorgeschossene konstante Kapital sowie auf die Löhne und Gehälter. Löhne und Gehälter werden bei Marx variables Kapital ( v ) genannt[2]. Das für die Herstellung einer Ware vorgeschossene konstante und variable Kapital ist der Kostpreis ( k ) des Unternehmens, des Einzelkapitals.

 

Setzt man den Mehrwert in Relation zu Arbeitslohn und Gehalt, zum variablen Kapital, dann erhält man die Mehrwertrate ( m/v ). Sie wird gemeinhin als Ausbeutungsrate benannt.

 

Da der Mehrwert nun auf den gesamten Kapitalvorschuss bezogen wird, auf das konstante und das variable Kapital, wird der Mehrwert als Profit betitelt. Der Mehrwert ändert dadurch aber nicht seine Grösse. Das Verhältnis von Mehrwert zum Kapitalvorschuss  ( m/(c+v) ), heisst Profitrate.

 

Wenn Geld investiert wird,  dann ist es im Kapitalismus von Interesse, dann ist es für das Unternehmen  von Interesse, dass die Profitrate möglichst hoch ist. Daher ist stets Bewegung im Gange, stets wird in Branchen investiert, die besonders hohe Profitraten versprechen.  Das bewirkt eine permanente Kapitalwanderung. Das ist banaler Alltag. So hat sich beispielsweise das Kerngeschäft von Siemens in den letzten fünf Jahren um 40% verändert. Geschäftsbereiche wie Mobiltelefone wiesen eine für Siemens nicht ausreichende Profitrate auf, IT Solutions and Services ist ein neu geschaffener Geschäftsbereich, der eine überdurchschnittliche Profitrate verspricht.

 

Wenn also ein einzelnes Kapital wandert, dann nur wegen einer zu erwartenden höheren Profitrate in der eigenen oder in einer anderen Branche. Diese unentwegte und permanente Kapitalwanderung bewirkt eine Tendenz zur Bildung einer gesamtwirtschaftlichen Durchschnittsprofitrate.

 

Was ist die Durchschnittsprofitrate ( p’ )? Volkswirtschaftlich, gesamtwirtschaftlich gesehen wird einmal das gesamte konstante ( C ) und variable Kapital ( V ), zum anderen der gesamtwirtschaftliche Mehrwert ( M ) betrachtet, der durch die in der Gesamtwirtschaft angewandte Arbeitskraft produziert worden ist. Die gesamtwirtschaftliche Durchschnittsprofitrate p’ ist dann das Verhältnis M/C+V.  Diese Durchschnittsprofitrate ist eine Art Richtschnur, an der sich alle Kapitale, ob Lebensmittelunternehmen oder Investionsgüterproduzenten orientieren.

 

Wenn beispielsweise die Profitrate der Lichtschalterindustrie unter der Durchschnittsprofitrate liegt, dann wandert das dort angelegte Kapital früher oder später in einen mehr Profit versprechenden Wirtschaftszweig.

 

Diese Wanderung hat Auswirkungen auf die Preisbildung der Waren aller Wirtschaftszweige. Preise sind der Geldausdruck der Warenwerte.  Wenn wir in der Lichtschalterindustrie den Warenwert eines Lichtschalters c+v+m haben, das ist Kostpreis plus dem Mehrwert m, der in der Lichtschalterindustrie durch v produziert worden ist, dann ist das aber nicht der Preis des Lichtschalters. Warum?

 

Die ständig stattfindende Kapitalwanderung bewirkt, dass jeder Kapitalvorschuss ( c+v ) einen Anteil am gesamtwirtschaftlichen Mehrwert ( M ) beansprucht und fordert, der seinem Anteil am gesamtwirtschaftlich vorgeschossenen Kapital ( C+V ) entspricht. Dem vorgeschossenen Kapital ist es demnach vollkommen gleichgültig, in welcher Branche es seinen Profit einfahren kann. Es erwartet wenigstens den Durchschnittsprofit.  Der Preis des Lichtschalters ist Kostpreis und Durchschnittsprofit ( p ). Der Preis als Geldausdruck des Warenwerts, der Produktionspreis der Ware Lichtschalter ist k+p. Je nach Lage von Angebot und Nachfrage auf dem Markt schwankt der Marktpreis um diesen Produktionspreis.

 

Der in der Lichtschalterproduktion erzielte Mehrwert wird in der Regel von dem durchschnittlich in einer Gesamtwirtschaft erzielten Mehrwert abweichen. Warenwert und Produktionspreis des Lichtschalters können so unterschiedliche Grössen haben, der Produktionspreis wird also vom Warenwert in der Regel abweichen. Ein Teil des Produktionspreises, der Kostpreis ( k ) als Summe von ( c+v ), ist infolgedessen direkt auf die Produktionsbedingungen der Lichtschalterindustrie zurückzuführen. Was sich ändert, was transformiert wird, ist der in der Lichtschalterindustrie erzielte Mehrwert in den durchschnittlich gesamtwirtschaftlichen Mehrwert, in den Profit.

 

Der Kauf des konstanten Kapitals ( c ) erfolgt zu Produktionspreisen, Preise als Geldausdruck des Werts im Kapitalismus verstanden. Gebäude, Maschinen und Anlagen werden demgemäß zu Produktionspreisen erworben und gehen so in die Ermittlung des Warenwertes Lichtschalter ein. Der Produktionspreis einer Ware der Maschinenbauindustrie, mithin für das konstante Kapital ( c ) in Form beispielsweise von Maschinen geht samt dem in ihm enthaltenen Profit, in den Kostpreis ( c + v ) der Lichtschalterindustrie ein.

 

Betrachtet man die Volkswirtschaft, die Gesamtwirtschaft, dann ist logischerweise die Summe der Produktionspreise der produzierten Waren gleich der Summe ihrer Werte. Was unterschiedlich ist, ist der (individuelle) Mehrwert der Ware einer Branche und der der Ware in dieser Branche zufallende Profit. Diese Transformation, diese Grössenumwandlung des Warenwerts in Produktionspreis wegen permanenter Kapitalwanderung ist elementarer Bestandteil der Preisbildungstheorie von Marx. Und es ist die einzige in sich konsistente Preis(bildungs)theorie in den Wirtschaftswissenschaften.

 

 



[1] Bortkiewicz, L.v. (1907): Zur Berichtigung der grundlegenden theoretischen Konstruktion von Marx im dritten Band des "Kapital", in: Bortkiewicz, Wertrechnung und Preisrechnung im Marxschen System, Lollar/Gießen 1976

 

[2] „Der in Arbeitskraft umgesetzte Teil des Kapitals verändert dagegen seinen Wert im Produktionsprozeß. Er reproduziert sein eignes Äquivalent und einen Überschuß darüber, Mehrwert, der selbst wechseln, größer oder kleiner sein kann. Aus einer konstanten Größe verwandelt sich dieser Teil des Kapitals fortwährend in eine variable. Ich nenne ihn daher variablen Kapitalteil, oder kürzer: variables Kapital.“ (MEW 23, Seite 224)