Do 22.05.2008 22:03

Wolfgang Hoss an Alexander B. Voegele

 

 

Sehr geehrter Herr Voegele,

 

 

In ihrem Beitrag auf dieser Website vom 20. Mai 2008 sagen Sie:

 

"Die Darstellung der Veränderung der Warenwerte in Produktionspreise wurde im Kontext der Diskussion um die Marxsche Werttheorie als analytisch nicht brauchbar bezeichnet. Die Werttheorie wurde und wird damit verworfen. Diese Debatte nahm ihren Anfang vor gut einhundert Jahren [1] ... "

 

[1] Bortkiewicz, L.v. (1907): Zur Berichtigung der grundlegenden theoretischen Konstruktion von Marx im dritten Band des "Kapital", in: Bortkiewicz, Wertrechnung und Preisrechnung im Marxschen System, Lollar/Gießen 1976

 

 

Marx hat in seiner Produktionspreistheorie vorausgesetzt, daß in der kapitalistischen Wirtschaft, erstens, eine Tendenz zum Ausgleich der Profitraten in allen Branchen und Zweigen der Gesamtwirtschaft besteht, und es ist dies eine Annahme die kaum jemand bezweifeln wird, und daß zweitens, die Mehrwertraten in allen Branchen um einen bestimmten gleichen Betrag schwanken und daher in der Idealisierung der Preisbildungstheorie gleiche Mehrwertraten vorauszusetzen sind. Unter diesen Voraussetzungen weichen, bei unterschiedlicher organischer Zusammensetzung des Kapitals in den verschiedenen Branchen, die arbeitszeitbestimmten Werte von den Produktionspreisen ab, also von den Preisen, um die nach der Theorie die Marktpreise schwanken sollen. Marx nahm an, daß ein Teil der Produktionspreise immer über und ein anderer Teil immer unter dem arbeitszeitbestimmten Wert liegt, so daß letztlich die Summe aller arbeitszeitbestimmten Werte mit der Summe aller Produktionspreise übereinstimmt. Aber in seinem Schema zur Bestimmung der Produktionspreise hat er die Kosten c+v  zu arbeitszeitbestimmten Preisen bewertet, was analytisch nicht korrekt ist, d.h. zum allgemeinen Nachweis der Richtigkeit der Produktionspreistheorie müssen auch die gekauften und verbrauchten Produktionsmittel und die mit dem Lohnkapital gekauften Konsumgüter zu Produktionspreisen bewertet werden. Es handelt sich hier um ein mathematisches Problem, das Marx nicht gelöst hat. Seit gut 100 Jahren haben marxistische und bürgerliche Ökonomen versucht das Problem zu lösen - die vielversprechendste "Lösung" auf Basis der Marxschen Annahmen stammt von L. v. Bortkiewicz. Aber bei näherer Betrachtung zeigt sich, daß Bortkiewicz in seinem 3-Sektoren-Modell für den Sektor 3 (Konsumtionsmittelproduktion für die Kapitalistenklasse) einen Preis z festlegen mußte, um sein Gleichungssystem lösbar zu machen bzw. um die Produktionspreise der anderen beiden Sektoren x und y und die Durchschnittsprofitrate a berechnen zu können. Wenn aber beliebige Preise z festgelegt werden können, die jedesmal zu anderen Produktionspreisen der anderen beiden Sektoren führen können, dann ist die "Lösung" keine wirkliche Lösung, es gibt dann für jedes Produkt unendlich viele Lösungen und damit gar keine Lösung.

 

Es wäre damit richtig, daß die Marxsche Werttheorie für das kapitalistische System analytisch nicht brauchbar ist und grundsätzlich verworfen werden müßte, wenn es nicht doch eine "Lösung" geben würde. In meinem Beitrag auf dieser Website vom 15. Mai 2008 habe ich versucht zu zeigen, daß eine der Annahmen Marxens in seiner Produktionspreistheorie nicht mit der Realität übereinstimmt, daß es nämlich nicht richtig ist, daß die Mehrwertraten und damit die Löhne in allen Branchen um einen gleichen Betrag schwanken. Wenn sich aber in der realen Welt die Mehrwertraten der Branchen systematisch unterscheiden, und wenn sie anpassungsfähig sind, dann entsteht das Produktionspreisproblem gar nicht. In der Theorie ist es dann kein großes Problem zu zeigen, daß die Preise aller Branchen um den arbeitszeitbestimmten Wert schwanken können.

 

Wenn Sie meinen Beitrag auf dieser Website und den Artikel, der über den Link in diesem Beitrag erreichbar ist, lesen und Ihre Meinung äußern würden, dann könnte dies eventuell zu wichtigen Erkenntnisfortschritten führen.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Wolfgang Hoss