Sa 31.05.2008 15:40
Peter Fleissner an Wolfgang Hoss und Bodo Vögele
Sehr geehrter Herr Hoss, sehr geehrter Herr Vögele,
Endlich habe ich Zeit
gefunden, Ihre Ausführungen zu kommentieren.
Zunächst möchte ich Herrn Vögeles Einschätzung der Rolle der Mathematik hinterfragen.
Mathematik ist meiner Auffassung nach eine spezielle Form der gedanklichen
Widerspiegelung der Welt, und wie jede Widerspiegelung gleichzeitig Abbild und
Entwurf der uns gegebenen Welt. Diese Eigenschaft hat sie mit der Philosophie,
mit Einzelwissenschaften, mit Kunst und Religion gemeinsam. Alle Widerspiegelung
enthält qualitative, aber auch quantitative Aspekte der Beschreibung (so auch
die Mathematik, in der neu entwickelte Qualitäten wie z.B. der
Differenzialquotient zur Entwicklung der Physik entscheidend beigetragen haben.
Der Differenzialquotient stellt die dialektische Einheit von Ruhe und Bewegung
dar und erlaubt es, z.B. den Begriff „Geschwindigkeit“ auszudrücken, aber auch
als erste Ableitung der Geschwindigkeit den Begriff „Beschleunigung“).
Natürlich hängt die Bedeutung einer Wissenschaft immer vom Problem ab, das mann behandeln will. Wenn Sie philosophische Fragen
behandeln wollen, ist die Mathematik vielleicht nicht so wichtig, wenn Sie aber
die Dynamik einer Volkswirtschaft mit empirischen Kennziffern beschreiben
wollen, werden Mathematik und Statistik immer wichtiger.
Mathematisch-statistische Simulationen, die im Rahmen der
Wissenschaftsgeschichte dank der modernen Rechentechnik immer mehr zu einem
eigenen Erkenntnismittel par excellence geworden
sind, ergänzen heute in vielen Disziplinen das bisher dominante Experiment.
Wenn Sie z.B. ein tieferes
Verständnis des Zusammenspiels von Arbeitswerten und Produktionspreisen in
ziemlich al
Produktionspreise nach Marx
lassen sich in Matrixschreibweise leicht anschreiben, wenn mann
analog zur Technologie A auch Konsumniveaus C berücksichtigt, wobei
gleichgültig ist, ob gleiche oder ungleiche Mehrwertraten vorliegen. Marx
berechnete die Produktionspreise pp wie fo
pp = w (A+C) (1+r)
Die Profitrate r wird nach
Marx zu Arbeitswertpreisen bestimmt: 1+
r = (w 1) / [w (A+C) 1],
wobei 1 ein Spaltenvektor ist, der aus lauter Einsen besteht.
pp = n (E – A) hoch(-1) (w 1) /
[w (A+C) 1]
Hier sieht mann
unmittelbar den richtigen Einwand von Bortkiewicz, dass die Inputpreise Arbeitswerten und die
Outputpreise Produktionspreisen entsprechen, also unterschiedliche Preise zu
Bewertung herangezogen werden.
Von Bortkiewicz
geht davon aus, dass Input- und Outputpreise die gleichen sein müssen, was
entweder zu einer Bestimmung der Produktionspreise ppb
(b steht für Bortkiewicz) auf einen Schlag führt,
indem Mann die sogenannte Eigenwertgleichung löst:
ppb = ppb (A+C) (1+rb)
Dabei lassen sich die
relativen Preise ppb (bis auf einen konstanten Faktor)
und die Profitrate rb gleichzeitig bestimmen. Die
unendliche Vielfalt der Lösungen bezieht sich nur auf deren absolutes Niveau,
aber nicht auf deren relative Verhältnisse. Durch die Nebenbedingung, die auch
Marx voraussetzt, dass nämlich die Wertsumme gleich der Preissumme ist, werden
die Produktionspreise auch absolut eindeutig bestimmt. Wie man sieht , sind nun
die Inputpreise (rechte Seite der Gleichung) und Outputpreise (linke Seite der
Gleichung) identisch.
Diese Lösung ppb lässt sich aber auch iterativ erreichen, indem man das
Marx’sche Verfahren immer wieder auf sein Ergebnis anwendet: In Formeln
ppb[ i+1 ] = ppb[ i ] (A+C) (1+rb[ i ])
1+ rb[
i ] = (ppb[ i ] 1)
/ [ppb[ i ] (A+C) 1]
ppb[ 0 ] = w
Dieses Verfahren konvergiert
gegen die Lösung von Bortkiewicz, die Marxsche Lösung
ist einfach die erste Iteration mit dem Iterationsindex i = 1. Damit lässt sich
die Transformation aus Arbeitswerten in Produktionspreise schön nachvollziehen,
die bei der obigen Eigenwert- und Eigenvektorgleichung verloren gehen würde und
damit die Frage, was Preise eigentlich sind, nicht mehr zu beantwortenerlauben
würde.
Wenn Sie nun etwa die Marxsche
Theorie empirisch testen wollen (ob z.B. die Produktionspreise in der Nähe der
beobachteten Preise liegen), kommen Sie mit verbalen Methoden nicht weiter.
Erst mit den Mitteln der Statistik und Mathematik kann ich z.B. für Österreich
2003 bei 57 Wirtschaftssektoren beweisen, dass eine spezielle Form der
Produktionspreise den Ist-Preisen sehr ähnlich ist. Der sogenannte Korrelationskoeffizient
ergibt in der 5. Iteration für Österreich einen Wert von 0.9537, ein Wert, der
für übliche sozialwissenschaftliche Zusammenhänge sehr hoch ist und zeigt, dass
die Marxsche Theorie durchaus empirisch herzeigbar ist.
In meiner mail
vom 17. Mai zeige ich auf der Basis mathematischer Einsichten, wie
Arbeitswertpreise, Produktionspreise und alle anderen möglichen Preissysteme
zusammenhängen – ich denke, das wäre ohne Mathematik unmöglich. Die fo

Alle obigen Aussagen gelten
für eine Wirtschaft, in der alle Sektoren als Wert bildend angenommen sind, was
in Wirklichkeit in Österreich für etwa 20 von 57 Sektoren nicht zutrifft, da
sie Dienste erzeugen, die nicht zur Mehrwert- bzw. Mehrproduktbildung beitragen.
Eine Rechnung, die die
Mehrwertraten verändert, ist meiner Meinung nach gar nicht nötig, denn das
Transformationsproblem lässt sich nach obigen Verfahren sowohl für eine
Wirtschaft mit ausgeglichenen Mehrwertraten als auch für unterschiedliche Mehrwertraten
lösen.
Natürlich müssen alle
Aussagen, die die Mathematik macht, auf soliden theoretischen Voraussetzungen
beruhen, aber oft lassen sich die Implikationen der theoretischen
Voraussetzungen gedanklich gar nicht absehen. Hier hilft erst die Mathematik
weiter.
Die Anmerkung von Herrn Hoss vom 20. Mai, dass „eine Tendenz zum Ausgleich der
Profitraten in allen Branchen und Zweigen der Gesamtwirtschaft besteht, und es
ist dies eine Annahme die kaum jemand bezweifeln wird“, wurde schon von Farjoun und Machover bereits vor
25 Jahren angezweifelt. Im Buch „Laws of Chaos“ zu
dessen 25-jährigem Jubiläum im Juli 2008 eine Konferenz in Kingston/U.K.
stattfindet (wo ich hinfahren und ein paper vortragen
werde), wird die Marx’sche Annahme stark kritisiert (meiner Meinung nach nicht
zu Unrecht, wobei aber die Tendenz zum Ausgleich aufrecht bleibt).
Beste Grüße, bin schon
gespannt, was Sie sagen werden
Herzlich
Peter Fleissner