So 01.06.2008 18:59
Wolfgang Hoss an Peter Fleissner,
Sehr geehrter
Herr Fleissner,
auch ich möchte
mich zunächst kurz zur Rolle der Mathematik in der Politischen Ökonomie äußern
– meines Erachtens ist die Aussage von B. Voegele, daß jede ökonomische Problemstellung
auch ohne Mathematik verständlich formulierbar ist, für einen geistreichen
Wissenschaftler eine sonderbare. Es ist zwar meines Erachtens richtig, daß eine
übertriebene Mathematisierung die Politische Ökonomie und die Volkswirtschaftslehre
regelrecht zur Farce machen kann, aber es gibt natürlich auch ökonomische
Probleme, die ohne Anwendungen der Mathematik nicht lösbar wären. Und es gibt
Probleme, die bei richtiger Anwendung mathematischer Methoden sehr viel
leichter lösbar sind. Logische Schlußfo
Ihre Aussage,
daß es im Bortkiewicz-Gleichungssystem Lösungen für die Produktionspreise x, y
und z gibt, bei welchen in der Gesamtwirtschaft die Summe aller Preise mit der
Summe aller Werte übereinstimmt, finde ich richtig. In meinem Beitrag vom 15.
Mai ist ein Beispiel aufgeführt, bei welchem der Preis in Abteilung 3 auf z=1
festgelegt wurde, bei gegebenen Zahlen im Wertschema (Tabelle 1), und in diesem
Beispiel stimmt nach der Transformation nach der Bortkiewicz-Methode (Tabelle
3) die Summe aller Preise (1000 Geldeinheiten) nicht mit der Summe aller Werte überein (875 Geldeinheiten). Es ist
aber durchaus richtig, daß im Bortkiewicz-Modell die gesamtwirtschaftliche
Summe aller Werte und Preise übereinstimmen kann, und daß bei Übereinstimmung dieser Summen nur jeweils ein
einziger und damit eindeutig bestimmter Produktionspreis berechnet werden kann.
Wenn man in diesem Beispiel den Preis in Abteilung 3 mit z=0,875 ansetzt, dann ergeben
sich die Produktionspreise x=1,12 und y=0,933333, und die Summe aller Preise
stimmt in diesem Fall mit der Summe aller Werte überein.
So weit so gut,
aber was ist damit durch die Produktionspreistheorie erreicht worden? Sie sagt in
der korrekten Interpretation aus, daß es der Möglichkeit nach eine gesamtwirtschaftliche
Produktionspreissumme gibt, die mit der Wertsumme übereinstimmt, und daß es der
Möglichkeit nach auch unendliche viele andere gesamtwirtschaftliche Produktionspreissummen
gibt, die nicht mit der Wertsumme übereinstimmen. Durch die Produktionspreistheorie
ist also nachgewiesen worden, daß die gesamtwirtschaftliche Preissumme zwischen
minus und plus unendlich liegen kann, daß es unter den unendlich vielen
möglichen Preissummen eine Summe geben kann, die mit der Wertesumme
übereinstimmt. Für diese Aussage benötigt man aber keine Theorie, es ist
einfach selbstverständlich, daß die Preissumme einer Volkswirtschaft zwischen
null und unendlich liegen muß. Es ist also völlig überflüssig, dies mit Hilfe
von Gleichungssystemen "zu beweisen". Wenn man im theoretischen
Modell eine Preissumme festlegen will, die mit der Wertsumme übereinstimmt,
dann braucht man keine Gleichungssysteme, um diese Summe festzulegen. Die
festgelegte Summe ist die festgelegte Summe, mit oder ohne Iteration. Lege ich
das Ergebnis einer Berechnung im voraus fest, dann ist es an sich nicht
verwunderlich, daß das Ergebnis das Ergebnis ist. Die Tautologie bzw. der Zirkelschluß
ist allerdings mitunter ein heimtückischer Geselle, er taucht immer wieder in
der Mathematik auf und verwirrt die Köpfe nicht zum erstenmal. Das
Transformationsproblem ist ein Paradebeispiel für einen solchen verwirrenden
Zirkelschluß, man dreht sich im Kreis und dreht sich im Kreis und dreht sich im
Kreis, nunmehr schon mehr als 100 Jahre.
Der Zirkelschluß
in der Werttheorie läßt sich an sich einfach vermeiden, indem man die Preise in
der Theorie nicht vom Wert abweichen läßt, sondern die Mehrwertraten variiert. Man
braucht nur das ursprüngliche Marx'sche werttheoretische Postulat akzeptieren,
nach welchem der Wert einer Ware durch die gesellschaftlich
durchschnittlich nötige Arbeitszeit bestimmt ist. Damit kann man den Zweifel -
den Zirkelschlußteufel - verjagen, und was soll so schlimm daran sein, wenn es
gelingt?
Es wäre eine
großartige Sache, wenn es gelingen würde empirisch nachzuweisen, daß in der
realen Welt die Summe aller Preise mit relativ kleiner Abweichung tatsächlich mit
der Summe aller Werte übereinstimmt. Für diesen Zweck ist es nicht nötig zu
klären, ob es bei den Einzelpreisen in Abhängigkeit von der organischen
Zusammensetzung (und der Umschlagzeit) systematisch und im Durchschnitt
Abweichungen der Werte von den Preisen gibt. Wenn z.B. die Gesamtsumme der
Preise einer Volkswirtschaft und damit der Gesamtumsatz
beträgt, und wenn die
Gesamtwertsumme durch die Gesamtarbeitszeit bestimmt ist, so daß beim festen
Geldwert
und bei der insgesamt
aufgewandten Arbeitszeit von
die gesamtwirtschaftliche
Wertsumme den gleichen Betrag, nämlich
aufweist, dann spielt es
für den Versuch des empirischen Nachweises der Übereinstimmung dieser beiden
Gesamtsummen keine Rolle, wenn in Einzelfällen die Preise ständig über oder
unter dem Wert liegen, es spielt für diesen Zweck keine Rolle, ob die
Einzelpreise Produktionspreise oder wertgleiche Preise sind, denn in beiden
Fällen wäre die Summe aller Werte gleich der Summe aller Preise. Und ein
solcher die Gesamtsummen betreffender Nachweis wäre das Wichtigste, worauf es
Marx ankam. Die Produktionspreistheorie wäre damit aber weder bestätigt noch
widerlegt, denn es wäre dann, wenn der gesamtwirtschaftliche Umsatz
mit der gesamtwirtschaftlichen
Wertsumme
übereinstimmen würde,
sowohl möglich, daß alle Waren zu ihren Werten, also auch zu Produktionspreisen
verkauft wurden.
(Der marxistisch
bestimmte Geldwert ist der Kehrwert des durchschnittlichen Stundennationaleinkommens.
Beim Geldwert von
hat das
Stundennationaleinkommen den Betrag
. Also 1 Stunde Arbeitszeit erzeugt bei diesem Geldwert im Durchschnitt
ein Einkommen (Neuwert) von 50€. Damit
ist der Grundzusammenhang zwischen aufgewandter Arbeitszeit und produziertem
Wert im Geldmaß festgelegt).
Daß man Produktionspreise
empirisch ermitteln kann bezweifle ich bei meinem gegenwärtigen Kenntnisstand.
Wie soll man Produktionspreise ermitteln können, die von der Durchschnittsprofitrate abhängig sind, wenn
es keine Statistiken für die Durchschnittsprofitrate gibt? Die
volkswirtschaftliche Kapitalanlage wird durch die Ämter nicht ermittelt,
sondern nur der Kapitalstock bzw. der Bestand an Anlagekapital. Der Wert des
Anlagekapitals stimmt aber nicht mit der Kapitalanlage überein, der Umschlag beeinflußt
die Kapitalanlage ganz beträchtlich, was durch den Wert der Bauten und
Ausrüstungen nicht berücksichtigt wird. Der Umschlag des Kapitals und des
Warenprodukts hat einen sehr großen Einfluß auf die Kapitalanlage, so wie dies
durch Marx nachgewiesen wurde. Z.B. bei einem großen Schiffbau-Unternehmen
fließt der Wert des Materials und der Löhne möglicherweise erst nach mehreren
Jahren zurück, was den Kapitalvorschuß (Kapitalanlage) vergrößert im Vergleich
zu einem Unternehmen, dessen Produkt z.B. wöchentlich umschlägt und das daher
nur Geldkapital für Material und Löhne für eine Woche vorschießen muß. Durch
den Wert der Bauten und Ausrüstungen wird dies nicht berücksichtigt. Kennt man
den Kapitalstock der Volkswirtschaft, dann kennt man noch lange nicht die
volkswirtschaftliche Kapitalanlage, und damit kennt man auch die
volkswirtschaftliche Durchschnittsprofitrate nicht. Es ist zwar an sich klar,
daß es eine Tendenz zur Bildung einer Durchschnittsprofitrate gibt, aber damit
kennt man den Betrag dieser Rate nicht, und man kennt ihre Schwankungen nicht. Ich
sehe gegenwärtig Probleme über Probleme bei der empirischen Ermittlung der
"Produktionspreise", falls es sie gibt, was ich bezweifle. Auch
empirische Analysen zum Nachweis des Schwankens der Marktpreise um den arbeitszeitbestimmten
Wert sind zweifellos problematisch. Daß aber z.B. ein Ozeanriese einen sehr
viel höheren Preis besitzt als eine Streichholzschachtel, weil zu seiner
Herstellung sehr viel mehr Arbeitszeit aufgewandt werden muß, ist meines
Erachtens unmittelbar einsichtig und unzweifelhaft richtig. Oder daß z.B. in
der Mikroelektronik die Preise für Flip-Flops oder für Computer nach der
mikroelektronischen Revolution deshalb drastisch gesunken sind, weil die gesellschaftlich pro Stück nötigen Arbeitszeiten infolge der
enormen Steigerung der Arbeitsproduktivität stark gesunken sind, daran gibt es
für mich auch ohne exakten empirischen Nachweis keinen Zweifel. Natürlich
spielt die nötige Arbeitszeit bei der Preisbildung eine wichtige Rolle - sehr
wahrscheinlich die dominierende Rolle. Vielleicht gelingen künftig auch
empirische Nachweise.
Mit freundlichen
Grüßen
Wolfgang Hoss