So 01.06.2008 18:59

Wolfgang Hoss an Alexander B. Voegele,

 

Sehr geehrter Herr Voegele,

 

entschuldigen Sie meine Offenheit, aber ich finde Ihre Aussage, daß jede ökonomische Problemstellung auch ohne Mathematik verständlich formulierbar ist, für einen geistreichen Wissenschaftler eine sonderbare. Es ist zwar auch meines Erachtens richtig, daß eine übertriebene Mathematisierung die Politische Ökonomie und die Volkswirtschaftslehre regelrecht zur Farce machen kann, aber es gibt natürlich auch ökonomische Probleme, die ohne Anwendungen der Mathematik nicht lösbar wären. Und es gibt Probleme, die bei richtiger Anwendung mathematischer Methoden sehr viel leichter lösbar sind. Logische Schlußfolgerungen aus mehreren Aussagen können mitunter sehr schwierig sein, in vielen Fällen ist es jedoch möglich durch Anwendungen von formalen Regeln, z.B. durch Regeln der Algebra, die durch die besten Mathematiker innerhalb von Jahrhunderten und mehr zusammengetragen wurden, diese Schlußfolgerungen leicht und sicher zu machen. Es sind auf diese Weise mitunter radikale Erleichterungen der geistigen Arbeit und große Einsparungen möglich, sowie logische Resultate, die der Anwender ohne die Vorarbeit der Mathematiker nicht hätte finden können. Verbale Beschreibungen und Erläuterungen sind vorausgehend natürlich nötig – eine der Hauptleistungen Marxens besteht gerade darin, daß es ihm gelungen ist die ungeheuer vielfältigen und komplizierten Prozesse in einer hochentwickelten Volkswirtschaft umfassend zu ordnen und hervorragend verbal zu beschreiben. Er hat ohne Zweifel hervorragende Leistungen in der Verallgemeinerung und Abstraktion und der Unterscheidung von Wesentlichem und Unwesentlichem und der zweckmäßigen Definition ökonomischer Kategorien gebracht, und für solche Leistungen ist zunächst Sammeln von Wissen und gründliches Nachdenken erforderlich – es geht dies zum großen Teil ganz ohne Mathematik. Aber Marx war natürlich kein Feind der Mathematik, gegen Formalisierungen gesicherter ökonomischer Aussagen und logischer Zusammenhänge zwischen ihnen hatte er natürlich nichts einzuwenden. Zum Beispiel das Produktionspreisproblem hat er nicht nur klar und verständlich verbal formuliert, sondern er hat es auch durch Einführungen von Schemata und mathematischen Symbolen formalisiert, und er hat es mathematisch zu lösen versucht. Es hat sich aber gezeigt, daß seine mathematische Lösung nicht in jeder Beziehung korrekt war, bzw. es hat sich gezeigt, daß das Problem ohne genaue mathematische Behandlung nicht gelöst werden kann.

 

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Hoss