5. Juni 2008

Peter Fleissner an Herrn Voegele und Herrn Hoss

 

 

Sehr geehrter Herr Voegele, sehr geehrter Herr Hoss

 

Herrn Vögeles Satz "Jede ökonomische Problemstellung ist auch ohne Mathematik verständlich formulierbar" bedarf m.E. einer Spezifizierung des Umstandswortes „verständlich“, wenn er richtig sein soll. Solange „verständlich“ sich auf einen philosophisch-qualitativen Kontext bezieht, haben Sie vielleicht recht, aber sogar das Marxsche Kapital wird teilweise unverständlich, wenn Sie von den mathematischen Beispielen abstrahieren. Und für empirische und statistische ökonomische Fragestellungen ist der Satz nur in den seltensten Fällen korrekt – wie wollen Sie etwa die Marxsche Werttheorie an der ökonomischen Wirklichkeit testen, wenn nicht mit mathematischer Statistik? Natürlich darf die Marxistische Politische Ökonomie nicht mathematischen Spitzfindigkeiten geopfert werden.

 

Nun zu den Begriffen, die Herr Vögele in Frage stellt:

Arbeitswerte bedürfen, wenn sie gemessen werden sollen oder wenn sie in einer wohldefinierten Beziehung zu den ökonomischen Erscheinungsformen stehen, immer auch einer Dimension, in der sie gemessen werden, im Fall der Arbeitswerte ist das „Arbeitszeit“ (in Form von Stunden oder Personenjahren etc.). In der ökonomischen Realität an der Oberfläche werden die Waren durch Preise in den jeweiligen nationalen Einheiten (Euro oder Dollar) bewertet. Ich nenne diese Preise die „Ist-Preise“. Fasst man Waren – wie das in der Input-Output Tafel der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ziemlich überlegt getan wird – zu Warengruppen oder zu Wirtschaftszweigen zusammen (das System, das die EU heute verwendet, gibt immer beide Aspekte -Make and Use - wieder), lassen sich die einzelnen Zweige durch den Umsatz in EUR und die Struktur der Verkäufe (Verwendung) charakterisieren, bzw. die Aufteilung der Herstellungskosten (Verteilung).

 

Nehmen wir an, dass jeder Wirtschaftszweig nur ein einziges Gut herstellt, das einen Preis hat, können Sie die Preise der einzelnen 57 Güter (wie z.B. in einer österreichischen Input-Output Tafel) miteinander vergleichen. Diese Preise entsprechen einem bestimmten Preissystem. Wollen Sie die Preise in z.B. Dollar ausdrücken, ergibt sich ein anderes Preissystem, das sich aber relativ gesehen nicht vom Preissystem in EUR unterscheidet. Die relativen Preise sind identisch (wenn sie die Preise der einzelnen einander entsprechenden Wirtschaftszweige durcheinander dividieren, ergibt sich immer der gleiche Faktor). Wollen Sie nun Arbeitswerte bestimmen, die in Arbeitszeiten gemessen werden, genügt es, die relativen Preise zu bestimmen, auf die Einheit, in der gemessen wird, kommt es hier nicht an. Wir wissen ja schon von Marx, dass die Einheit der Arbeitswerte gesellschaftlich notwendige durchschnittliche Arbeitszeit ist.

 

Ich nenne ein Preissystem, das in EUR gemessen wird, aber jene relativen Preisverhältnisse wie die Arbeitswerte besitzt, ein Arbeitswertpreissystem. Unter dieser Voraussetzung lässt sich ein Vergleich zwischen Arbeitswertpreisen und Ist-Preisen vornehmen, beide Preissysteme sind in der gleichen Dimension.

 

Um noch einen Schritt mehr zu tun, bevor wir das Transformationsproblem ansprechen, ist es sinnvoll, die gesamte Wertsumme und die Preissumme quantitativ gleich zu setzen. Stellen wir die Preissysteme (worunter nun auch die Arbeitswertpreise als Sonderfall verstanden werden können) geometrisch dar (siehe meine e-mail Nr. 27 vom 17. Mai 08), so entspricht jedes Preissystem einem Punkt in einer Ebene im n-dimensionalen Raum. Für drei Dimensionen ist das gut darstellbar. Alle Preissysteme dieser Art müssen dann auf einer Ebene liegen, d.h. auch das Arbeitswertpreissystem, das Ist-Preissystem und natürlich auch das Produktionspreissystem. Die Unterschiede zwischen den Preissystemen ergeben sich im Kapitalismus - wie Sie m.E. richtig sagen - aus der „profitgesteuerte(n) Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit auf die verschiedenen produzierenden und Dienstleistungsbereiche einer Volkswirtschaft“. So auch in meiner Rekonstruktion. Jedes Preissystem ist (bei invariantem Gesamtwert) durch unterschiedliche Profite in den einzelnen Zweigen charakterisiert, denen wieder – wenn man annimmt, dass die Unternehmer nur investieren – unterschiedliche Aneignungen des Mehrprodukts in Form von Investitionen entspricht. Mit anderen Worten: Jedem Preissystem entsprechen Profitzuteilungen, die bestimmte Akkumulationsgeschwindigkeiten über eine bestimmte Investition des Mehrprodukts ermöglichen. Das Mehrprodukt selbst bleibt aber bei fixer techno-sozialer Ausstattung invariant, es wird durch die Preissysteme nur unterschiedlich zugeteilt.

 

Und was beinhaltet das Transformationsproblem in diesem Kontext? Es fragt nach der Veränderung der Preissysteme (bei invarianter sozio-technischer Situation der Wirtschaft), sodass die Profitraten aufgrund der kapitalistischen Konkurrenz ausgeglichen werden. Und dieser Ausgleich lässt sich sowohl als Eigenwertproblem oder als iterative Rechnung (von Marx wurde der erste Schritt getan) lösen, wobei das Ergebnis identisch ist und der Produktionspreisvektor natürlich auch auf der oben erwähnten Ebene liegen muss [wenn - wie bei Marx vorausgesetzt - die Produktionspreissumme gleich der Arbeitswertmasse (gemessen in gleichen Dimensionen) ist].

 

Diese Fragestellung, die Marx vorgenommen hat, ist ziemlich abstrakt. Es lassen sich auch konkretere Transformationen vornehmen (siehe z.B. http://peter.fleissner.org/petergre/documents/Transformations_Problem_Beijing2.pdf). Und seit dem Buch „Laws of Chaos“ von Farjoun und Machover (1983) ist auch der Ausgleich der Profitraten stark angezweifelt worden

 

Ich möchte weiters zum Beitrag von Herrn Hoss vom 1. Juni Stellung nehmen, wobei ich Ihrer Auffassung zur Rolle der Mathematik in der Ökonomie nur zustimmen kann: Ihren weiteren Ausführungen zur Frage der Gleichheit von Wert- und Preissumme begegne ich allerdings mit Skepsis, insbesondere meine ich nicht, "ein solcher die Gesamtsummen betreffender Nachweis wäre das Wichtigste, worauf es Marx ankam". Meiner Ansicht nach ist eine solche Gleichheit irgendwelcher Summen (bei welchen Transformationen auch immer) von vornherein eine Notwendigkeit, denn sonst kommt es tatsächlich zu unendlich vielen Lösungen. Marx ist m.E. von der gesamten Wirtschaftsleistung ausgegangen, und hat die Wertmasse direkt und indirekt geleisteter Arbeit mit dem gesamten in der Wirtschaft getätigten Umsatz in Preisen in Beziehung gesetzt. Die Wirtschaftsleistung ist also der Geldausdruck des Wertes, der als Arbeitszeit insgesamt eingesetzt wurde, und insofern ist die Wertmasse leicht mit der Preismasse (in Produktions- oder in anderen Preissystemen bewertet) zu identifizieren.

 

Man könnte aber auch anderer Identitäten denken, z.B. das Netto-Nationalprodukt könnte mit dem lebendigen Arbeitszeitaufwand identifiziert werden, oder die Profitmasse könnte mit der Mehrwertmasse gleichgesetzt werden. In den letzteren Fällen wäre die Wertsumme natürlich nicht mehr der Preissumme gleich.

 

Man kann mathematisch zeigen, dass nur eine Identitätsgleichung erlaubt ist, sonst ergibt sich gar keine Lösung.

 

Dennoch ist mit der angenommenen Identität noch nicht gesagt, wie die einzelnen Preise in den einzelnen Wirtschaftszweigen gebildet werden. Und hier gibt uns die Wirtschaftsstatistik einige Möglichkeiten in die Hand, die Marxschen Theorien zu testen. Relativ gut ist es um die Testung der Arbeitswerte mit den Ist-Preisen bestellt. Bei den Produktionspreisen ist es - wie Sie auch bemerken - viel schwieriger. Es gibt zwar keine Statistiken über die Durchschnittsprofitrate, aber man kann sie (mit einigen Vergröberungen) aus den Profiten (bzw. den Betriebsüberschüssen, bzw. dem Cashflow vor oder nach Steuern) abschätzen. Problematischer ist die Lage für die Abschätzung des fixen Kapitals (das in Österreich vor vielen Jahren einmal berechnet wurde, aber z.B. in Schweden gibt es angeblich neue Werte). Damit kann man ein Preissystem berechnen, das ausgeglichene Profitraten in allen Branchen ergibt, obwohl immer noch das Problem der unterschiedlichen Umschlagszeiten vorhanden ist.

 

Ich habe für Österreich Profitraten nur auf das zirkulierende Kapital und mit einer Umschlagszeit von einem Jahr gerechnet, was nicht ideal ist, aber der Datenlage entspricht. In ihr sind bisher Steuern und Abgaben enthalten, d.h. der öffentliche Sektor wird zu den Profiten geschlagen.

 

Interessant ist die laufende Diskussion in England (im Juli findet eine Konferenz in Kingston bei London statt), wo manche Kollegen behaupten, die Arbeitswerte sind eine bessere Annäherung an die Ist-Preise als die Produktionspreise. Ich werde mir das jedenfalls ansehen.

 

 

Beste Grüße, ich hoffe, Ihnen wieder Stoff für eine Replik gegeben zu haben!

 

Peter Fleissner