7. Juni 2008
Wolfgang Hoss an Peter Fleissner
Sehr geehrter Herr Fleissner,
leider kenne ich ihre Forschungsarbeit mit dem Ziel eines
empirischen Nachweises von über und unter dem Wert liegenden Produktionspreisen
nicht hinreichend, für einen Hinweis wie ich mich besser und mit nicht allzu
großem Aufwand informieren kann, wäre ich ihnen dankbar. Wenn ich mir trotz
dieser Unkenntnis ein Urteil erlaubt habe, dann hauptsächlich deshalb, weil ich
von vornherein grundsätzliche Bedenken habe, bzw. weil ich der Meinung bin, daß
die Produktionspreistheorie auf einer empirisch nachweisbar falschen Annahme, d.h.
auf der Annahme gleicher Mehrwertraten und damit in der logischen Konsequenz
auf der Gleichheit der Stundenlöhne der Branchen und Zweige basiert. Also
meines Erachtens basiert die Produktionspreistheorie auf einer Annahme, die
falsch ist. Aber gerade wegen dieser grundsätzlich verschiedenen Ausgangspunkte
ist m.E eine gründliche Diskussion dringend nötig. Die Diskussion mit Ihnen war
für mich sehr anregend, sie hat mich unter anderem auf die Idee gebracht, daß
es mit Hilfe einer bestimmten Methode, die weiter unter kurz erläutert wird,
möglich sein könnte empirisch nachzuweisen, daß der produzierte Neuwert der
großen volkswirtschaftlichen Branchen eindeutig und mit kleinem Fehler durch
die aufgewandte Arbeitszeit bzw. durch ihr Wachstum bestimmt ist. Nach ihrer
Aufgabenstellung soll offenbar an Hand empirischer Daten analysiert werden, ob
es die Produktionspreise gibt und ob sie in Abhängigkeit von der organischen
Zusammensetzung der Branchen systematisch über oder unter dem arbeitszeitbestimmten
Wert liegen und mit welchem Fehler sie vom theoretischen Wert abweichen. Nach
der Aufgabe die ich mir jetzt gestellt habe soll analysiert werden, ob das
Wertprodukt der Branchen (also der produzierte Neuwert bzw. das Einkommen der
Branchen) im wesentlichen und systematisch durch die aufgewandte Arbeitszeit
bestimmt ist. Beide Aufgabenstellungen, die Ihrige und meine, haben meines
Erachtens ihre volle Berechtigung. Die Methode, die ich angewandt habe, kann
kurz wie folgt beschrieben werden.
Dividiert man das Nationaleinkommen durch die im Jahr im Unternehmenssektor
(also im Waren
einschließlich Dienstleistungen produzierenden und verkaufenden Sektor)
aufgewandte Arbeitszeit, dann erhält man das im betrachteten Jahr produzierte
Stundennationaleinkommen. Bei einem Nationaleinkommen von z.B.
und einer im Unternehmenssektor im Jahr aufgewandten Arbeitszeit
von
, wurde das Stundennationaleinkommen im Betrag von
produziert. Damit ist
empirisch festgestellt worden, daß in einer Stunde Arbeitszeit im
volkswirtschaftlichen Durchschnitt ein Neuwert von 50€ produziert wurde, und
damit ist ein eindeutiger Zusammenhang zwischen aufgewandter Arbeitszeit und
neu produziertem Wert hergestellt worden.
Der Kehrwert des Stundennationaleinkommens stellt im
heutigen edelmetallungebundenen Währungssystem aus marxistischer Sicht den Geldwert
dar. Also nach dieser Definition entspricht
der Geldwert wG dem Kehrwert des Stundennationaleinkommens, es gilt
hiernach die Relation
. Im Beispiel hat der Euro den Wert
.
Aber leider ändert sich im System der
edelmetallungebundenen Währungen das Stundennationaleinkommen permanent, es wächst
in der historischen Tendenz und damit wird die Geldeinheit und damit die
Maßeinheit des Werts, im Beispiel der Wert des Euro, ständig verändert. Das ist
das große Problem der Wertmessung. Außerdem besteht das Problem, daß die
etablierte Wirtschaftwissenschaft den Geldwert nicht als Kehrwert des
Stundennationaleinkommens, sondern als Kehrwert des Preisindex definiert. In
meinem Buch "Das kapitalistische System, Band 1.1 Abschnitt
"Zusammenhang Geldwert und Preisindex", S. 85 ff, habe ich m.E. zeigen
können, daß der Geldwert sowohl durch den Kehrwert des Preisindex
als auch durch den
Kehrwert der Arbeitsproduktivität
bestimmt ist, bzw. daß
die Beziehung
gilt. Der durch die
etablierte Wirtschaftswissenschaft als Kehrwert des Preisindex definierte
Geldwert ist also nur ein Spezialfall des marxistisch bestimmten Geldwerts,
d.h. der Geldwert ist hier nur bei der Arbeitsproduktivität
(bzw. bei konstanter Arbeitsproduktivität)
definiert.
Für empirische Analysen der Arbeitszeit-Werttheorie taugt
die Geldwertdefinition nur als Kehrwert des Preisindex nicht, denn sie enthält
die Arbeitszeit und den Einfluß der Arbeitsproduktivität auf die Wert- und
Preisbildung nicht. Also benötigt man für al
.
Aber trotz Anwendung dieser Geldwertdefinition verbleibt
ein großes Problem, wenn es um empirische Analysen der marxistischen Arbeitzeit-Werttheorie
geht. Man kann den marxistisch bestimmten Geldwert zwar rechnerisch konstant
halten, ebenso wie man die Preise für die Realproduktermittlung konstant halten
kann, aber zunächst verbleibt trotzdem das Problem der korrekten
Inflationsbereinigung. Wenn z.B. das Nationaleinkommen in der Basisperiode
betragen hat, bei
einem Arbeitszeitaufwand im Unternehmenssektor von
, und wenn die Arbeitszeit im Berichtsjahr auf
und damit um 1,25%
gewachsen ist, und wenn das nominale Nationaleinkommen auf
angewachsen ist und
damit das Stundennationaleinkommen auf
gestiegen ist, dann
ist der Geldwert auf
verringert worden. Der
Geldwert in der 0.Periode war im Beispiel
und damit berechnet
sich der marxistisch bestimmte Geldwertindex zu
. Damit kann der produzierte Neuwert nominal, also das
nominale Nationaleinkommen, mit dem Geldwertindex multipliziert werden, womit
sich das inflationsbereinigte Nationaleinkommen
ergibt. Das inflationsbereinigte
Nationaleinkommen ist demnach im Beispiel um
bzw. um 1,25%
gewachsen, also mit der gleichen Rate wie die Arbeitszeit.
Aber leider hat sich damit der Zirkelschlußteufel
eingeschlichen, denn bei einer solchen Inflationsbereinigung des
Nationaleinkommens ist bereits voraugesetzt worden, daß es mit der Rate der Arbeitszeit
wächst. Ein auf diese Weise inflationsbereinigter Wert wächst also zwangsläufig
immer 100% genau mit der Rate der Arbeitszeit, weil das vorausgesetzt wurde.
Für die Gesamtwirtschaft versagt die Methode der marxistisch
bestimmten Inflationsbereinigung, wie gesagt, wenn aber das Einkommen der
Branchen in gleicher Weise inflationsbereinigt wird, dann liegt für das
Wachstum des inflationsbereinigten Wertprodukts jeder Branche (Einkommen bzw.
Neuwert der Branche) kein Zirkelschluß mehr vor. Das Arbeitszeitwachstum stimmt
dann im allgemeinen nicht mit dem Wachstum des inflationsbereinigten Neuwerts
überein. Es werden echte Rückschlüsse vom Wachstum der Arbeitszeit auf das
Wachstum des Neuwerts als inflationsbereinigtes Einkommen möglich.
Vor einigen Jahren habe ich eine umfangreiche Statistik
der Beschäftigten (Arbeitskräfte), der Löhne und Gewinne und des Einkommens von
40 Branchen der BRD in der Zeit von 1970 bis 1990 angefertigt, hauptsächlich
mit den Ziel der empirischen Bestimmung der Mehrwertraten und der Stundenlöhne
(Quelle aller Daten waren die Branchenblätter des Statistischen Bundesamtes der
BRD, Fachserie 18, Reihe S. 18, 1960 bis 1991, erschienen 1992). Die
Mehrwertraten und die Stundenlöhne der Branchen weichen in dieser Zeit nicht
nur zufällig in einem bestimmten Jahr, sondern systematisch auch in
Mittelwerten über mehrere Jahre voneinander ab. Die Basis der Produktionspreistheorie
wird damit grundsätzlich in Frage gestellt, die Produktionspreistheorie
verliert ihre Grundlage, wenn die Mehrwertraten der Branchen sich systematisch
und ständig unterscheiden. Nach der Marx'schen Theorie entstehen Produktionspreise
deshalb, weil die Mehrwertraten aller Branchen gleichgroß sind und die
Profitraten um die Durchschnittsprofitraten schwanken, bzw. nur dann, wenn in
der theoretischen Idealisierung gleiche Mehrwertraten bei gleicher Profitrate
in allen Branchen vorausgesetzt werden. Die theoretische Begründung dafür, daß
im Kapitalismus die
Preise systematisch von den Werten abweichen, besitzt demzufolge offenbar keine
realistische Grundlage.
Die oben erwähnte Statistik kann m.E. für empirische
Überprüfungen der Arbeitszeit-Werttheorie sehr vorteilhaft genutzt werden (allerdings
standen mir keine Arbeitszeiten, sondern nur Erwerbstätigenzahlen zur Verfügung).
Einige der Resultate der empirischen Überprüfungen waren folgende.
In der Dienstleistungsbranche der BRD ist die Zahl der
Erwerbstätigen (der beschäftigten Arbeitskräfte) von 2933000 im Jahr 1970 auf
5291000 im Jahr 1990 angewachsen und damit um etwa das 1,80-fache ( bzw. 80%).
Das steuerbereinigte Einkommen nominal der Dienstleistungsbranche [es wurde die
volkswirtschaftlich durchschnittliche Steuer pro Erwerbstätigen
(Produktionssteuern abzüglich Subventionen) auf die Beschäftigtenzahl jeder
Branche angerechnet] ist in der gleichen Zeit von 95,346Mrd.DM auf
574,723Mrd.DM und damit um das 6,157-fache angewachsen. Der auf Basis der Arbeitskräfte
ermittelte Geldwertindex (anstelle der Arbeitszeit wurde bei der
Geldwertberechnung die Arbeitskräftezahl des Unternehmenssektors verwendet) hatte 1990 bezogen
auf das Basisjahr 1970 den Betrag
. Das marxistisch inflationsbereinigte Einkommen (auch
steuerbereinigt) hatte damit den Betrag 574,723Mrd.DM*0,2919=167,762Mrd.DM. Das
inflationsbereinigte Einkommen der Dienstleistungsbrauche ist also um etwa das
1,76-fache gewachsen (76%), und die Zahl der beschäftigen Arbeitskräfte ist um
das 1,8-fache (80%) gestiegen. Das Wachstum des Neuwerts (inflationsbereinigtes
Einkommen) wich damit nur um etwa -2,2% vom Arbeitskräftewachstum ab.
In der
Landwirtschaft (einschließlich Forstwirtschaft und Fischerei) ist die Zahl der
Erwerbstätigen (der beschäftigten Arbeitskräfte) von 2262000 im Jahr 1970 auf 995000
im Jahr 1990 und damit auf das 0,4399-fache gesunken (-56,01%). Das Einkommen
nominal der Landwirtschaft (steuerbereinigt) ist zwar in der gleichen Zeit von 22,183Mrd.DM
auf 33,479Mrd.DM und damit um das 1,509-fache (50,9%) gestiegen, aber das marxistisch
inflationsbereinigte Einkommen der Landwirtschaft hatte den Betrag 33,479Mrd.DMDM*0,2919=9,773Mrd.DM
und es ist damit auf etwa das 0,441-fache gesunken (-55,9%). Also der produzierte
Neuwert (inflationsbereinigt) ist um 55,9% gesunken und die Zahl der
beschäftigen Arbeitskräfte ist um 56,01% gesunken. Das Wachstum des Neuwerts (inflationsbereinigtes
Einkommen) wich damit um weniger als 1% bzw. nur um +0,25% vom Arbeitskräftewachstum
ab.
Also das starke Positivwachstum der Arbeitskräftezahl in
der Dienstleistungsbranche hat zu einem starken, fast proportionalen
Positivwachstum des Neuwerts (inflationsbereinigt) geführt, und das starke
Negativwachstum der Arbeitskräftezahl in der Landwirtschaft hat zu einem
starken, ebenfalls nahezu proportionalen Negativwachstum des Neuwerts
(inflationsbereinigt) geführt. In diesen beiden Stichproben wurde die marxistische
Arbeitszeit-Werttheorie also erstaunlich gut bestätigt.
In den Mittelwerten in allen 40 Branchen in den Zyklen
1970-1979 und 1981-190 (Vergleich von zwei 10-Jahreszyklen) lag das Wachstum
des marxistisch inflationsbereinigte Einkommens aller Branchen, abgesehen von 2 Extremfällen [Tabakverarbeitung
(+21,2%) und Getränkeherstellung (-15,7%)], innerhalb des Fehlers +/- 14%. In
den meisten Branchen war die Abweichung des Neuwertwachstums vom Wachstum der Arbeitskräftezahl
erheblich kleiner als +14% und -14%. Die größte Abweichung war in einem Fall
+21,2% und in einem anderen Fall -15,7%, und ohne diese beiden Extremfälle war
die größte Abweichung in einem Fall +14% und in einem anderen Fall -14%. Alle
anderen Abweichungen waren kleiner. Die 10-jährigen Mittelwerte bestätigen also
in allen Stichproben, daß das Wachstum des inflationsbereinigten Neuwerts im
wesentlichen bzw. mit erstaunlich kleinem Fehler durch das Wachstum der Arbeitskräftezahl
bestimmt wird.
Die oben genannte Statistik findet man in der Excel-Datei
http://www.livepages.de/sh/mediapool/43/431891/data/Empirische_Ueberpruefung-1970-1990-neu.xls im Internet. Die Resultate dieser Statistik im
Vergleich der Mittelwerte der 1970-iger Jahre und der 1980-iger Jahre sind in
der Tabelle 1 zusammengestellt.
