Do 19.06.2008 22:36

Alexander B. Voegele an Wolfgang Hoss

 

Sehr geehrter Herr Hoss,

 

"formulierbar" heisst nicht "lösbar" !

 

Nochmals, bei dem sogenannten Transformationsproblem geht es um die kapitalistische Form der Verteilung gesellschaftlicher Arbeit auf die einzelnen gesellschaftlichen Bereiche. Da benötige ich keine Mathematik, da benötige ich eine Menge ökonomisches Verständnis bestimmter Aufgabenstellungen. Wenn dann, nehmen wir Kantorowitsch "Lineares Programmieren", eine Fragestellung auftaucht, die der Formalisierung einer ökonomischen Problemstellung bedarf, also der Mathematik bedarf, dann schlägt ihre Stunde.

Dieses Problem hat die sowjetischen Wirtschaftswissenschaften einige Jahre umhergetrieben, insbesondere in den späten 1960ern und frühen 1970ern. Im Westen ist das nicht wahrgenommen worden, da der Fokus auf miserabler Nacherzählung amerikanischer Textbücher über Miroökonomie festgezurrt wurde.

 

Mich interessieren keine mathematisch ausgeklügelt konstruierte Mehrwertraten, sondern der ökonomische Inhalt. Also wie wird Mehrwert und in welcher Höhe in einer Branche produziert, jedoch im Zuge der Umverteilung des Profits in der Regel nicht in der gleichen Höhe angeeignet. Das sind Fragen, die tief in die Beurteilung der wirtschaftlichen Entwicklung des gegenwärtigen Kapitalismus hineinspielen, in das Auf und Ab verschiedener Branchen. In diesem Sinne ist es mir Wurscht, ob Marx sich verrechnet hat oder nicht. Den ökonomischen Prozess dieser (in vielen Fällen) suboptimalen Umverteilung gesellschaftlicher Arbeit zu erkennen, dazu benötige ich erst einmal ökonomischen Einblick, und den liefert Marx. Dass dann Bortkiewicz dann die eigentliche Frage nicht packte, und aus diesem Unverständnis heraus ein "Transformationsproblem" bastelte, das ist der Lauf der wissenschaftlichen Entwicklung.

 

Diese Aussage (Lieber Herr Fleissner, gerade greife ich meiner Replik auf Sie vor) "In der ökonomischen Realität an der Oberfläche werden die Waren durch Preise in den jeweiligen nationalen Einheiten (Euro oder Dollar) bewertet" (Herr Fleissner vom 05.06.2008) zeigt zudem das Dilemma der hastigen Mathematik. Waren werden durch Preise nicht bewertet, sondern die Warenwerte müssen sich entsprechend der kapitalistischen Logik in Preisen als Geldausdruck der Warenwerte darstellen. Es gibt eben keine relativen Preise bei Marx, weil das unsinnige Relationen zweier Gebrauchswerte sind. Das macht die Neoklassik. Das ist Unfug. Und Aristoteles hat die (ich wiederhole mich) eigentliche Fragestellung korrekt geliefert: Warum tauschen sich fünf Polster gegen ein Haus? !!! "Die Schwierigkeit liegt nicht darin, zu begreifen, dass Geld Ware ist, sondern wie, warum, wodurch Ware Geld ist." (K. Marx, Kapital I. MEW 23,107).

 

Direkte Frage: Sind Ihnen Autoren Maurice Allais und Tjalling C. Koopmans geläufig? Bei Ihnen findet sich eine gehörige Menge an Skepsis in Fragen der Anwendung von Mathematik, die in meine Richtung weist.

 

Mit freundlichen Grüssen

 

Alexander B. Voegele