Fr 26.09.2008 09:57
Hans-Gert Graebe an
Peter Fleissner
Lieber Peter,
danke für die fruchtbare Diskussion am Dienstag in Wien. Ich denke, dass mit dem Thema "Rückstellungen" noch einmal eine neue Ebene aufgemacht ist, die auch in meinen grundsätzlichen Arbeitswertaufsatz [1] einzuarbeiten ist, ohne allerdings an dessen Konsequenzen was zu ändern.
….
Zur Diskussion auf transform.or.at gibt es viele Querverbindungen, ohne dass ich schon die Zeit hatte, diese genauer herauszupräparieren. …
Do 22.05.2008 22:03, Wolfgang Hoss an Alexander B. Voegele
> Es wäre damit richtig, daß die Marxsche Werttheorie für das
> kapitalistische System analytisch nicht brauchbar ist und
> grundsätzlich verworfen werden müßte, wenn es nicht doch eine "Lösung"
> geben würde. In meinem Beitrag auf dieser Website vom 15.
> Mai 2008 habe ich versucht zu zeigen, daß eine der Annahmen Marxens in
> seiner Produktionspreistheorie nicht mit der Realität übereinstimmt,
> daß es nämlich nicht richtig ist, daß die Mehrwertraten und damit die
> Löhne in allen Branchen um einen gleichen Betrag schwanken. Wenn sich
> aber in der realen Welt die Mehrwertraten der Branchen systematisch
> unterscheiden, und wenn sie anpassungsfähig sind, dann entsteht das
> Produktionspreisproblem gar nicht. In der Theorie ist es dann kein
> großes Problem zu zeigen, daß die Preise aller Branchen um den
> arbeitszeitbestimmten Wert schwanken können.
Dies ist in [1] ohne jegliche Vorannahmen entwickelt, wobei ich allerdings
(a) einen adjustierten Arbeitsbegriff zu Grunde lege: Wert schöpfende Arbeit ist nur solche, die explizit auf fremdes Bedürfnis gerichtet ist.
Damit wird das Wertverhältnis als Strom von (produktiven) Quellen zu (Bedürfnis)-Senken innerhalb des Netzes der produktionslogischen Abhängigkeiten verstanden, das den elementaren Kirchhoffschen Regeln genügen muss. Darauf baut sowohl die Input-Output-Analyse als auch Helmedags saldenmechanisches Modell - zumindest implizit - auf.
(b) Wertformen (Plural!) insbesondere für den unternehmerischen Anteil zu Grunde lege, die *nicht notwendig* als Zeitmaß daherkommen, sondern auch auf die "Macht der in Bewegung gesetzten Agentien" (etwa das in Bewegung gesetzte Kapital) abstellen können. Dazu wird zwischen Arbeitsaufwand *innerhalb* einer Produzentenfraktion und Arbeitswert unterschieden, wobei sich letzterer durch Multiplikation mit einem für die Produzentenfraktion typischen *Arbeitswertfaktor* ergibt, der Aufwand in Geld umrechnet. Marx hat diese Faktoren aus Gründen der "Reduktion" gleich am Anfang aus seinen Rechnungen rausgenommen und gleich mit Geld (synonym für ihn: Zeit) gerechnet, obwohl sich gerade in der Adjustierung *dieser Faktoren* die ganze Sprengkraft gesellschaftlicher Auseinandersetzungen konzentriert (in [1] genauer ausgeführt). Im Übrigen funktioniert selbst Stücklohn genau auf diese Weise und der Kampf um die Höhe von Stücklohnnormen (dies ist genau der Arbeitswertkoeffizient dieser Lohnarbeiterfraktion) ist Legende - selbst in einer sozialistischen Ökonomie wie der DDR im Juni 1953.
Das Transformationsproblem erledigt sich dann von selbst, denn die Kostpreise entstehen auf der Basis der Annahme, dass der Arbeitswertfaktor der Unternehmer die Mehrwertrate ist, die Produktionspreise dagegen auf der Basis der Annahme, dass der Arbeitswertfaktor der Unternehmer die Profitrate ist. Insofern trifft Samuelson mit seiner Radiergummilösung aus meiner Sicht den Nagel durchaus auf den Kopf.
Wenn du von Falschem (den Kostpreisen) ausgehst und genügend lange mit den richtigen Gleichungen (auf der Basis der Profitrate) iterierst, dann kommst du beim Richtigen (den Produktionspreisen) heraus. Allerdings kannst du mit demselben Ergebnis auch von jedem anderen Wert starten, wie in [1] genauer ausgeführt.
Bortkiewiczs Lösung ist gleichwohl noch immer interessant, da die dort aufgeführten Faktoren x,y,z als *relative* Arbeitswertkoeffizienten in meiner Theorie eine klare semantische Interpretation haben. Auch das ist in [1] genauer ausgeführt.
…
Meine beiden Aufsätze
[1] Arbeitswerttheorie nach Marx - ein dezentraler Ansatz. Neues vom Transformationsproblem. Manuskript, Januar 2008.
[2] Dezentrale Arbeitswerttheorie und volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. Manuskript, August 2008.
in der jeweils aktuellen Version findest du (und alle weiteren
Interessierten) auf meiner Seite http://www.hg-graebe.de/EigeneTexte
Viele Grüße, Hans-Gert