Hallo Peter,

 

schön daß Dich die Theorie der langen Wellen interessiert und daß auch Du dich theoretisch damit auseinandergesetzt hast. Zunächst ist es natürlich richtig, daß meine marxistisch begründete Theorie der langen Wellen von den üblichen Theorien radikal abweicht. Die üblichen Theorien der langen Wellen zeichnen sich meines Erachtens "durch ein Höchstmaß an Subjektivität" aus, insbesondere auch die These, daß die langen Wellen der Konjunktur durch Basis-Innovationen verursacht werden. Damit verwundert es auch nicht mehr, daß die Dauer der langen Wellen durch diese Theoretiker zwischen 5 und 60 Jahren angegeben wird, mit dem zusätzlichen Hinweis, daß die Dauer der langen Wellen durch Auswahl der Filterverfahren der statistischen Analyse nahezu beliebig größer oder kleiner "gestaltet" werden kann. Die historischen Statistiken der Investitionszyklen bzw. der langen Wellen der Investitionsquoten, die eindeutig sind, berücksichtigen diese Experten gar nicht. Damit ergeben sich bis in alle Ewigkeit fortsetzbare fruchtlose subjektive Debatten. Es kann auch nie objektiv begründet werden, warum die Ingenieure und Erfinder in bestimmten regelmäßig wiederkehrenden Zeitabständen große Erfindungen machen sollen und in den Zwischenzeiten zum großen Teil ihre Kreativität verlieren sollen. Meines Erachtens sind Marxens Thesen der Krisenursachen haushoch überlegen.

 

Meines Erachtens können hauptsächlich folgende Krisenzyklen und Krisenursachen unterschieden werden. Erstens, überlagern sich die Warenkäufe und damit die Warenachfragen in der Volkswirtschaft bzw. in der Weltwirtschaft erheblichen Teils einfach zufällig. Sieht man sich die langen Reihen der Wachstumsraten der volkswirtschaftlichen Produktion an, dann springt der mindestens teilweise stochastische Verlauf der Kurven der jährlichen Wachstumsraten ins Auge.

 

Aber aus bestimmten historischen Statistiken kann auch herausgelesen werden, daß es neben diesen Zufallsschwankungen auch bestimmte ziemlich regelmäßige Wiederholungen, also nicht nur zufallsbedingte Zyklen der konjunkturellen Entwicklungen gibt. Meines Erachtens bildet die übliche Einteilung der Konjunkturzyklen in Kondratieffzyklen (lange Wellen), Juglarzyklen (Wellen der mittleren Frist mit der Dauer von etwa 4 bis 12 Jahren), Kitchenzyklen (Dauer 1 bis 3 Jahre) die Realität in guter Näherung ab. Die langen Wellen sind demnach durch Juglarwellen und Kitchinwellen überlagert. Ferner spielen natürlich auch in Betrachtungen in noch kürzeren Fristen (z.B. in Quartalen) die saisonalen Zyklen (verursacht durch Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter) eine Rolle. Damit kann man natürlich nicht alle Krisenvorgänge durch die eine einzige Theorie erklären.

 

Die Zyklen mit der stärksten ökonomischen und sozialen Wirkung sind die Zyklen der langen und der mittleren Frist (Kondratieffwellen und Juglarwellen). Marx sieht im Umschlag des fixen Kapitals, also in Investitionszyklen, die Ursache der Zyklen mit der langen Frist, und als Hauptursache der Zyklen mit der mittleren Frist sieht Marx meines Erachtens den Umschlag der Großprodukte mit der langen Umschlagzeit. Wenn z.B. der Bau einer Eisenbahnstrecke oder eines Ozeanriesen 4 Jahre und damit die Umschlagzeit des Warenprodukts 4 Jahre beträgt, dann wird im theoretischen Idealfall 4 Jahre lang Ware auf dem Markt nachgefragt (Produktionsmittel und Konsumtionsmittel) aber keine Ware zum Verkauf angeboten. Es entsteht damit 4 Jahre lang eine Übernachfrage. Im 4. Jahr, d.h. nach der Fertigstellung der Eisenbahn bzw. des Ozeanriesen, aber wird der in 4 Jahren produzierte Wert im einfachsten Fall auf einen Schlag  verkauft, so daß ein Überangebot entsteht. Mit der Theorie der Juglarwellen habe ich mich allerdings nicht so lange beschäftigt wie mit der Theorie der langen Wellen.

 

Marxens These, daß die Krisenzyklen der langen Frist durch dem Umschlag des fixen Kapitals (Bauten und Ausrüstungen) verursacht werden, ist Teil seiner Werttheorie (einschließlich Reproduktionstheorie) – es geht hier speziell um das Problem, durch welche ökonomischen Umstände zeitweilig Ware von größerem Wert zum Verkauf auf dem Markt angeboten wird, als in der gleichen Periode Warenwert nachgefragt wird. Die marxistische Krisentheorie ist demnach ein Teilgebiet der marxistischen Werttheorie. Mein Artikel zur Theorie der langen Wellen würde meines Erachtens zum Thema auf Deiner Website passen. Falls es Dir recht wäre, könnten wir diesen Artikel (im Anhang der Mail) auf Deiner Website veröffentlichen. [ist hier verlinkt]

 

 

Gruß Wolfgang